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Die Atemnot-Ambulanz aus Sicht der Patienten – eine qualitative Interviewstudie
Die Atemnot-Ambulanz aus Sicht der Patienten – eine qualitative Interviewstudie
HINTERGRUND: Atemnot ist ein häufiges und belastendes Symptom im Krankheitsverlauf vieler chronisch fortschreitender Erkrankungen. Aufgrund der Komplexität des Symptoms ist für die erfolgreiche Behandlung oft die Kombination verschiedener Maßnahmen nötig. Nach englischem Vorbild existiert seit 2014 in München Deutschlands erste Atemnot-Ambulanz (AmbA), in der die Betroffenen in einer mehrgliedrigen und auf Selbstmanagement abzielenden Behandlung lernen, besser mit dem Symptom Atemnot umzugehen. FRAGESTELLUNG: Ermittlung der Erfahrungen und Sichtweisen von Patienten und Patientinnen sowie Angehörigen hinsichtlich der Behandlung in der Atemnot-Ambulanz. Besondere Berücksichtigung erfahren dabei das Selbstmanagement von Atem\-not und der Umgang mit einer fortgeschrittenen Erkrankung. METHODEN: In einer qualitativen semi-strukturierten Interviewstudie wurden mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Atemnot-Ambulanz und deren Angehörigen leitfadengestützte Interviews geführt. Anschließend wurden diese in einem iterativen Prozess anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Margrit Schreier ausgewertet. Mittels Typisierung wurden Merkmale der Ambulanz-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen gruppiert. In einer Konzeptualisierung durch das in der Gesundheitspsychologie verbreitete Common-Sense-Modell wurden Unterschiede in der Bewertung der Ambulanz veranschaulicht. ERGEBNISSE: Es wurden insgesamt 25 Interviews geführt, davon 15 Interviews ausschließlich mit Patienten und Patientinnen, sieben sowohl mit Patienten und Patientinnen als auch mit Angehörigen und drei Interviews nur mit Angehörigen. Das Alter der Patienten und Patientinnen lag zwischen 55 und 80 Jahren. Die zugrunde liegenden Erkrankungen umfassten zehn Patienten bzw. Patientinnen mit COPD, zwei mit Lungenfibrose, drei mit Pulmonalarterieller Hypertonie, zwei mit Lungenkarzinom, sechs mit Herzinsuffizienz und eine Person mit Tracheomalazie bei Zustand nach Langzeitbeatmung. In die Auswertung wurden 25 Interviews aufgenommen. Daraus ergab sich ein Kategoriensystem aus den acht Oberkategorien "Initiative zur Inanspruchnahme der Behandlung", "Leidensdruck mit Atemnot", "bisherige medizinische Versorgung", "Erwartungen an die Behandlung", "Einstellung zur Erkrankung", "Selbstmanagement-Kompetenz", "Profitieren durch die Atemnot-Ambulanz" und "Atemnot-Ambulanz als neue Versorgungskomponente". Die Ambulanz wurde besonders positiv von Patienten und Patientinnen wahrgenommen, die über einen ausreichend hohen Leidensdruck und eine mittlere oder hohe Akzeptanz der Erkrankung verfügten. Ebenso wiesen sie eine hohe Kontrollüberzeugung, zusammengesetzt aus einer ausreichend hohen Selbstwirksamkeit und einem ausreichenden Glauben an die Wirksamkeit der Behandlung, auf. Diese Patienten und Patientinnen waren ebenfalls durch äußere Faktoren, wie stabile Lebensumstände, ein Anfangsstadium der Erkrankung und noch unzureichende Kenntnisse im Umgang mit der Erkrankung gekennzeichnet. Auch wenn es nicht allen Ambulanz-Patienten und -Patientinnen gelang, ein besseres Symptommanagement zu erzielen, so konnte oft ein erweiterter Nutzen durch eine verbesserte psychische Krankheitsbewältigung aus den Ambulanz-Besuchen gezogen werden. Den Ambulanz-Patienten und -Patientinnen wurden in Abhängigkeit der Wirkung der Ambulanz die vier Typen "Profiteur", "Profiteur im erweiterten Sinn", "Experte" und "Kaum-Profiteur" zugeordnet. Unter Zuhilfenahme dieser Typisierung und des Common-Sense-Modells ließen sich Unterschiede in der Wahrnehmung und Wirksamkeit auf zugrunde liegende Coping-Strategien zurückführen. Insbesondere jene Patienten und Patientinnen, die die Ambulanz besonders positiv bewerteten, wiesen zum Zeitpunkt der Ambulanz funktionale Coping-Strategien auf. Patienten und Patientinnen hingegen, deren Umgang mit der Atemnot sich nicht verbesserte, zeigten ungünstige subjektive Krankheitstheorien und daraus resultierende dysfunktionale Coping-Strategien. FAZIT: Am Beispiel der Atemnot-Ambulanz in München ließen sich o.g. persönliche und äußere Faktoren der Teilnehmenden ableiten, deren Vorhandensein zu funktionalen Coping-Strategien und einer positiven Wahrnehmung der Intervention führte. Bei künftigen Interventionen sollten dem Behandlungserfolg entgegenwirkende Krankheitstheorien möglichst frühzeitig identifiziert und zugunsten funktionaler Coping-Strategien modifiziert werden.
Atemnot, Atemnot-Ambulanz, Selbstmanagement-Intervention, Qualitative Interviewstudie
Schuster, Angela
2020
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Schuster, Angela (2020): Die Atemnot-Ambulanz aus Sicht der Patienten – eine qualitative Interviewstudie. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Licence: Creative Commons: Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 (CC-BY-NC-ND)
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Abstract

HINTERGRUND: Atemnot ist ein häufiges und belastendes Symptom im Krankheitsverlauf vieler chronisch fortschreitender Erkrankungen. Aufgrund der Komplexität des Symptoms ist für die erfolgreiche Behandlung oft die Kombination verschiedener Maßnahmen nötig. Nach englischem Vorbild existiert seit 2014 in München Deutschlands erste Atemnot-Ambulanz (AmbA), in der die Betroffenen in einer mehrgliedrigen und auf Selbstmanagement abzielenden Behandlung lernen, besser mit dem Symptom Atemnot umzugehen. FRAGESTELLUNG: Ermittlung der Erfahrungen und Sichtweisen von Patienten und Patientinnen sowie Angehörigen hinsichtlich der Behandlung in der Atemnot-Ambulanz. Besondere Berücksichtigung erfahren dabei das Selbstmanagement von Atem\-not und der Umgang mit einer fortgeschrittenen Erkrankung. METHODEN: In einer qualitativen semi-strukturierten Interviewstudie wurden mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Atemnot-Ambulanz und deren Angehörigen leitfadengestützte Interviews geführt. Anschließend wurden diese in einem iterativen Prozess anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Margrit Schreier ausgewertet. Mittels Typisierung wurden Merkmale der Ambulanz-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen gruppiert. In einer Konzeptualisierung durch das in der Gesundheitspsychologie verbreitete Common-Sense-Modell wurden Unterschiede in der Bewertung der Ambulanz veranschaulicht. ERGEBNISSE: Es wurden insgesamt 25 Interviews geführt, davon 15 Interviews ausschließlich mit Patienten und Patientinnen, sieben sowohl mit Patienten und Patientinnen als auch mit Angehörigen und drei Interviews nur mit Angehörigen. Das Alter der Patienten und Patientinnen lag zwischen 55 und 80 Jahren. Die zugrunde liegenden Erkrankungen umfassten zehn Patienten bzw. Patientinnen mit COPD, zwei mit Lungenfibrose, drei mit Pulmonalarterieller Hypertonie, zwei mit Lungenkarzinom, sechs mit Herzinsuffizienz und eine Person mit Tracheomalazie bei Zustand nach Langzeitbeatmung. In die Auswertung wurden 25 Interviews aufgenommen. Daraus ergab sich ein Kategoriensystem aus den acht Oberkategorien "Initiative zur Inanspruchnahme der Behandlung", "Leidensdruck mit Atemnot", "bisherige medizinische Versorgung", "Erwartungen an die Behandlung", "Einstellung zur Erkrankung", "Selbstmanagement-Kompetenz", "Profitieren durch die Atemnot-Ambulanz" und "Atemnot-Ambulanz als neue Versorgungskomponente". Die Ambulanz wurde besonders positiv von Patienten und Patientinnen wahrgenommen, die über einen ausreichend hohen Leidensdruck und eine mittlere oder hohe Akzeptanz der Erkrankung verfügten. Ebenso wiesen sie eine hohe Kontrollüberzeugung, zusammengesetzt aus einer ausreichend hohen Selbstwirksamkeit und einem ausreichenden Glauben an die Wirksamkeit der Behandlung, auf. Diese Patienten und Patientinnen waren ebenfalls durch äußere Faktoren, wie stabile Lebensumstände, ein Anfangsstadium der Erkrankung und noch unzureichende Kenntnisse im Umgang mit der Erkrankung gekennzeichnet. Auch wenn es nicht allen Ambulanz-Patienten und -Patientinnen gelang, ein besseres Symptommanagement zu erzielen, so konnte oft ein erweiterter Nutzen durch eine verbesserte psychische Krankheitsbewältigung aus den Ambulanz-Besuchen gezogen werden. Den Ambulanz-Patienten und -Patientinnen wurden in Abhängigkeit der Wirkung der Ambulanz die vier Typen "Profiteur", "Profiteur im erweiterten Sinn", "Experte" und "Kaum-Profiteur" zugeordnet. Unter Zuhilfenahme dieser Typisierung und des Common-Sense-Modells ließen sich Unterschiede in der Wahrnehmung und Wirksamkeit auf zugrunde liegende Coping-Strategien zurückführen. Insbesondere jene Patienten und Patientinnen, die die Ambulanz besonders positiv bewerteten, wiesen zum Zeitpunkt der Ambulanz funktionale Coping-Strategien auf. Patienten und Patientinnen hingegen, deren Umgang mit der Atemnot sich nicht verbesserte, zeigten ungünstige subjektive Krankheitstheorien und daraus resultierende dysfunktionale Coping-Strategien. FAZIT: Am Beispiel der Atemnot-Ambulanz in München ließen sich o.g. persönliche und äußere Faktoren der Teilnehmenden ableiten, deren Vorhandensein zu funktionalen Coping-Strategien und einer positiven Wahrnehmung der Intervention führte. Bei künftigen Interventionen sollten dem Behandlungserfolg entgegenwirkende Krankheitstheorien möglichst frühzeitig identifiziert und zugunsten funktionaler Coping-Strategien modifiziert werden.