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EEG-Untersuchung bei Patienten mit chronischem Tinnitus im Verlauf einer Behandlung mit repetitiver transkranieller Magnetstimulation
EEG-Untersuchung bei Patienten mit chronischem Tinnitus im Verlauf einer Behandlung mit repetitiver transkranieller Magnetstimulation
Hintergrund: Chronischer Tinnitus beschreibt eine mindestens sechs Monate andauernde, konstante Wahrnehmung eines Geräusches ohne akustisches Korrelat. Funktionell-bildgebende und neurophysiologische Verfahren weisen auf neuroplastische Veränderungen u. a. im primär-auditorischen Kortex hin. EEG-Untersuchungen konnten eine erhöhte Gamma- sowie eine verringerte Alphabandaktivität feststellen. Ereignis-korrelierte Potentiale zeigten niedrigere Amplituden und größere Latenzen. Bisherige Behandlungsansätze konnten keine zufriedenstellenden Erfolge verzeichnen. Die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) hat sich als wirksames Verfahren zur Veränderung neuronaler Aktivität durch Induktion von Neuroplastizität etabliert und wurde bereits zur Behandlung von Tinnitus angewendet. Ziel der vorliegenden Promotionsstudie war es, die Überlegenheit der rTMS gegenüber einer Scheinbehandlung nachzuweisen. Zudem sollten Unterschiede zwischen chronischen Tinnituspatienten und einer gesunden Kontrollgruppe hinsichtlich der neurophysiologischen Aktivität im Ruhe-EEG und in den ereigniskorrelierten Potentialen N1, P2 und P300 aufgezeigt werden. Methode: In die Stichprobe wurden 40 Studienteilnehmer eingeschlossen, 20 Probanden mit chronischem Tinnitus und 20 Probanden in der Kontrollgruppe. Die Tinnituspatienten wurden einer Verum- und einer Placebo-Bedingung zugeordnet. 1) Über den Vergleich des Ruhe-EEGs und der ereigniskorrelierten Potentiale N1, P2 und P300 wurden Unterschiede zwischen den Tinnituspatienten und der Kontrollgruppe ermittelt. Nach einer zweiwöchigen Behandlung mit links-temporaler rTMS (mit 1 Hz-Frequenz, 2000 Stimuli pro Sitzung) erfolgte der Vergleich von Verum- und Placebo-Gruppe hinsichtlich Veränderungen in 2a) Ruhe-EEG, 2b) N1-, P2- und P300-Amplituden und Latenzen sowie 2c) der subjektiv empfundenen Tinnitusbelastung, bestimmt mit dem Tinnitus-Fragebogen (TF) und dem Tinnitus-Handicap-Inventory (THI). Ergebnisse: 1) Im Ruhe-EEG zeigte sich bei der Tinnitusgruppe eine verstärkte absolute Gammagesamtaktivität in frontalen (p = .024) und zentralen (p = .029) Berei-chen. Zentral (p = 0.004) und parietal (p = 0.019) ließen sich längere P300-Latenzen feststellen. Frontal (p = 0.044) konnten niedrigere P300-Amplituden ermittelt werden. 2a) In der EEG Ruhe-Aktivität zeigte sich nach rTMS frontal (p = 0.046) sowie rechts-temporal (p = 0.028) eine Verringerung der (High-) Gammabandaktivität. Auch konnte eine frontale Zunahme der Alphabandfrequenzen nachgewiesen werden (p = .038). 2b) Zentral zeigte sich eine Verkürzung der P2-Latenz (p = 0.058). Die Mittelwertver-gleiche der N1 und P300 lassen Effekte der rTMS vermuten. Eine Überlegenheit der rTMS gegenüber der Placebo-Behandlung konnte nicht eindeutig festgestellt werden. 2c) Hinsichtlich der Reduktion der subjektiv empfundenen Tinnitusbelastung zeigte sich eine prozentuale Verringerung der mittleren THI-Gesamtwerte in der Ve-rum- und Placebo-Gruppe. Diskussion: Die Ergebnisse lassen eine Normalisierung der EEG-Ruheaktivität und der ereigniskorrelierten Potentiale durch rTMS möglich erscheinen. Die reduzierten Gammaband- und verstärkten Alphaband-Oszillationen lassen eine neuroplastische Reorganisation durch rTMS vermuten. Möglicherweise kann auf diese Weise die kortikale Hemmung wiederhergestellt und Tinnitus reduziert werden. Die nachgewiesenen Placebo-Effekte bestätigen die Befunde anderer Studien zu Placebo-Effekten. Es bedarf jedoch einer Replikation der hier verwendeten Studienbedingungen mit einer größeren Stichprobe, um die Überlegenheit der Verum-Behandlung zu belegen und jegliche statistisch signifikanten Effekte der rTMS aufzudecken.
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Bremer, Christine
2016
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Bremer, Christine (2016): EEG-Untersuchung bei Patienten mit chronischem Tinnitus im Verlauf einer Behandlung mit repetitiver transkranieller Magnetstimulation. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Abstract

Hintergrund: Chronischer Tinnitus beschreibt eine mindestens sechs Monate andauernde, konstante Wahrnehmung eines Geräusches ohne akustisches Korrelat. Funktionell-bildgebende und neurophysiologische Verfahren weisen auf neuroplastische Veränderungen u. a. im primär-auditorischen Kortex hin. EEG-Untersuchungen konnten eine erhöhte Gamma- sowie eine verringerte Alphabandaktivität feststellen. Ereignis-korrelierte Potentiale zeigten niedrigere Amplituden und größere Latenzen. Bisherige Behandlungsansätze konnten keine zufriedenstellenden Erfolge verzeichnen. Die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) hat sich als wirksames Verfahren zur Veränderung neuronaler Aktivität durch Induktion von Neuroplastizität etabliert und wurde bereits zur Behandlung von Tinnitus angewendet. Ziel der vorliegenden Promotionsstudie war es, die Überlegenheit der rTMS gegenüber einer Scheinbehandlung nachzuweisen. Zudem sollten Unterschiede zwischen chronischen Tinnituspatienten und einer gesunden Kontrollgruppe hinsichtlich der neurophysiologischen Aktivität im Ruhe-EEG und in den ereigniskorrelierten Potentialen N1, P2 und P300 aufgezeigt werden. Methode: In die Stichprobe wurden 40 Studienteilnehmer eingeschlossen, 20 Probanden mit chronischem Tinnitus und 20 Probanden in der Kontrollgruppe. Die Tinnituspatienten wurden einer Verum- und einer Placebo-Bedingung zugeordnet. 1) Über den Vergleich des Ruhe-EEGs und der ereigniskorrelierten Potentiale N1, P2 und P300 wurden Unterschiede zwischen den Tinnituspatienten und der Kontrollgruppe ermittelt. Nach einer zweiwöchigen Behandlung mit links-temporaler rTMS (mit 1 Hz-Frequenz, 2000 Stimuli pro Sitzung) erfolgte der Vergleich von Verum- und Placebo-Gruppe hinsichtlich Veränderungen in 2a) Ruhe-EEG, 2b) N1-, P2- und P300-Amplituden und Latenzen sowie 2c) der subjektiv empfundenen Tinnitusbelastung, bestimmt mit dem Tinnitus-Fragebogen (TF) und dem Tinnitus-Handicap-Inventory (THI). Ergebnisse: 1) Im Ruhe-EEG zeigte sich bei der Tinnitusgruppe eine verstärkte absolute Gammagesamtaktivität in frontalen (p = .024) und zentralen (p = .029) Berei-chen. Zentral (p = 0.004) und parietal (p = 0.019) ließen sich längere P300-Latenzen feststellen. Frontal (p = 0.044) konnten niedrigere P300-Amplituden ermittelt werden. 2a) In der EEG Ruhe-Aktivität zeigte sich nach rTMS frontal (p = 0.046) sowie rechts-temporal (p = 0.028) eine Verringerung der (High-) Gammabandaktivität. Auch konnte eine frontale Zunahme der Alphabandfrequenzen nachgewiesen werden (p = .038). 2b) Zentral zeigte sich eine Verkürzung der P2-Latenz (p = 0.058). Die Mittelwertver-gleiche der N1 und P300 lassen Effekte der rTMS vermuten. Eine Überlegenheit der rTMS gegenüber der Placebo-Behandlung konnte nicht eindeutig festgestellt werden. 2c) Hinsichtlich der Reduktion der subjektiv empfundenen Tinnitusbelastung zeigte sich eine prozentuale Verringerung der mittleren THI-Gesamtwerte in der Ve-rum- und Placebo-Gruppe. Diskussion: Die Ergebnisse lassen eine Normalisierung der EEG-Ruheaktivität und der ereigniskorrelierten Potentiale durch rTMS möglich erscheinen. Die reduzierten Gammaband- und verstärkten Alphaband-Oszillationen lassen eine neuroplastische Reorganisation durch rTMS vermuten. Möglicherweise kann auf diese Weise die kortikale Hemmung wiederhergestellt und Tinnitus reduziert werden. Die nachgewiesenen Placebo-Effekte bestätigen die Befunde anderer Studien zu Placebo-Effekten. Es bedarf jedoch einer Replikation der hier verwendeten Studienbedingungen mit einer größeren Stichprobe, um die Überlegenheit der Verum-Behandlung zu belegen und jegliche statistisch signifikanten Effekte der rTMS aufzudecken.