| Walter, Isabelle (2026): Die Untersuchung der Bindungsentwicklung: Analyse einer Präventionsmaßnahme. Dissertation, LMU München: Medizinische Fakultät |
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Abstract
Eine sichere Bindung bildet eine wichtige Grundlage für eine gesunde kognitive, emotionale und soziale Entwicklung. Sie wirkt über die gesamte Lebensspanne hinweg als wertvolle Ressource und Schutzfaktor gegen die Entstehung psychischer Erkrankungen (Kerns, et al., 2007; Pallini et al., 2018; Ziegenhain, 2024). Im Gegensatz dazu stellt eine unsichere Bindung ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen und die Entstehung psychischer Erkrankungen dar (Borelli, et al., 2010; Contreras et al., 2000; Groh et al., 2012; Franke & Kißgen, 2018; Jacobsen, & Hofmann, 1997; Keller et al., 2005). Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, primäre Präventionsmaßnahmen zu implementieren, die auf die Förderung einer sicheren Bindung abzielen. Die vorliegende Dissertation untersucht, inwieweit eine sichere Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern durch frühe Intervention gefördert werden kann. Ziel der Arbeit ist es, die Wirksamkeit einer bindungsbasierten primären Präventionsmaßnahme empirisch zu evaluieren. Im Rahmen einer randomisierten, kontrollierten Längsschnittstudie wurde das SAFE-Programm (Sichere Ausbildung für Eltern; Brisch, 2010/2022) zwischen 2006 2019 im Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU-Klinikums untersucht. Das SAFE-Programm zielt darauf ab, die Entwicklung einer sicheren Eltern-Kind-Bindung zu fördern und die intergenerationale Weitergabe unverarbeiteter Traumata zu verhindern. Ein weiterer Fokus des Programms liegt auf der Stärkung der elterlichen Partnerschaft. Das Programm ist als universelle Präventionsmaßnahme konzipiert und richtet sich sowohl an werdende Mütter als auch an Väter aus der Allgemeinbevölkerung, unabhängig von spezifischen Risikofaktoren. Die Intervention beginnt während der Schwangerschaft und endet nach dem ersten Lebensjahr des Kindes. Nach aktuellem Kenntnisstand existiert in Deutschland kein vergleichbares bindungsorientiertes Präventionsprogramm, das sowohl die Förderung einer sicheren Mutter-Kind- und Vater-Kind-Bindung als auch die Stärkung der elterlichen Partnerschaftsqualität integriert. Die Kontrollgruppe der Studie erhielt eine Intervention mit gleichen Rahmenbedingungen, deren Inhalte einem Standardgeburtsvorbereitungskurs entsprachen, ohne Fokus auf Bindung und Partnerschaft. Der Ablauf und die Inhalte des SAFE-Programms werden in beiden Publikationen dieser Dissertation detailliert dargestellt. Die erste Publikation befasst sich mit den Ergebnissen der Datenerhebung unmittelbar nach Abschluss des Programms, als die Kinder ein Alter von 12 bzw. 14 Monaten erreicht hatten. Die zweite Publikation präsentiert die Ergebnisse der Follow-up-Datenerhebung, die sechs Jahre nach Abschluss des Programms durchgeführt wurde, als die Kinder sieben Jahre alt waren. Die Bindungsforschung konzentrierte sich über lange Zeit nahezu ausschließlich auf Mütter, während die Rolle der Väter im Zusammenhang mit der kindlichen Bindung häufig vernachlässigt wurde (Iwanski et al., 2023). Entsprechend richten sich die meisten bindungsbasierten Programme primär an Mütter (Bakermans-Kranenburg et al., 2003; Berlin et al., 2005). In der Literatur werden zudem verschiedene Barrieren beschrieben, die Väter daran hindern können, an solchen Interventionen teilzunehmen (Panter-Brick, et al. 2014; Ramchandani & Iles, 2014; Zanoni et al., 2013). Vor diesem Hintergrund untersuchte die erste Publikation drei zentrale Fragestellungen: (1) Inwieweit ist es in der vorliegenden Studie gelungen, Väter zur Teilnahme an der Präventionsmaßnahme zu gewinnen? (2) Welche Motive veranlassten Mütter und Väter zur Teilnahme und, welche Faktoren beeinflussten die kontinuierliche Teilnahme beider Elternteile? (3) Wiesen Kinder in der SAFE-Gruppe am Ende der Intervention signifikant häufiger eine sichere Bindung zu beiden Elternteilen auf als in der Kontrollgruppe? (1) Die Ergebnisse zur ersten Fragestellung zeigten eine hohe Teilnahmequote der Väter: Insgesamt nahmen 79,7% der Väter an einer der beiden Gruppen teil. Die Teilnahmequote war in der SAFE-Gruppe mit 84,6 % höher als in der Kontrollgruppe mit 73,9 %. Diese hohe Beteiligung lässt sich vermutlich auf die Berücksichtigung spezifischer Faktoren bei der Konzeption des SAFE-Programms und der Rekrutierung zurückführen. (2) Hinsichtlich der Teilnahmemotivation nannten beide Elternteile ähnliche Hauptmotive. Der häufigste Motivationsfaktor war der Wunsch, den Umgang mit Unsicherheiten zu erlernen (44,4 % der Väter und 46,3 % der Mütter). Für Väter stellte die Partnerschaft einen weiteren zentralen Motivationsfaktor dar: 32,2 % der Väter nannten dieses Motiv, im Vergleich zu nur 11,3 % der Mütter. Dagegen gaben 23,8 % der Mütter an, sich für das Thema Bindung zu interessieren, und 18,8 % der Mütter gaben Vulnerabilität, aufgrund eigener Bindungserfahrungen als Beweggrund an, während keiner der Väter diese Aspekte erwähnte. Die Teilnahme beider Elternteile zeigte eine positive Korrelation: Die Beteiligung eines Elternteils erhöhte die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme des anderen. Bei Vätern beeinflussten der Familienstatus und die wahrgenommene Partnerschaftsqualität die Teilnahme. Verheiratete Väter oder solche in einer Partnerschaft mit der Mutter waren häufiger beteiligt als alleinstehende Väter. Ein negativer Zusammenhang zeigte sich zwischen der Teilnahme der Väter und ihrer subjektiven Einschätzung der Partnerschaftsqualität: Väter in der Kontrollgruppe, die ihre Partnerschaft negativ bewerteten, brachen häufiger die Teilnahme ab als jene mit einer positiven Wahrnehmung. Bei den Müttern zeigte das Thema Partnerschaft keinen Einfluss auf die kontinuierliche Teilnahme in beiden Gruppen. Dies hebt die besondere Bedeutung der Partnerschaftsthematik, insbesondere für Väter, hervor. Frühere Studien haben gezeigt, dass Väter, die mit ihrer Partnerschaft zufriedener sind, häufiger eine sichere Bindung zu ihrem Kind aufbauen (Grossmann et al., 2008; Knappe et al., 2021; Lickenbrock & Braungart-Rieker, 2015). Die Partnerschaft der Eltern ist ein zentrales Thema im SAFE-Programm. Allerdings konnte aus den Ergebnissen der ersten Publikation nicht abgeleitet werden, ob das SAFE-Programm die Partnerschaftsqualität der Eltern tatsächlich verbessert. Aus diesem Grund fokussierte die zweite Publikation auf die Interventionseffekte auf die subjektive Partnerschaftsqualität der Eltern. (3) Bezüglich der dritten Fragestellung zeigte sich, dass in der SAFE-Gruppe signifikant mehr Kinder eine sichere Bindung zu ihrem Vater (84,6 %) entwickelten als in der Kontrollgruppe (65,8 %). Der Anteil sicherer Mutter-Kind-Bindungen unterschied sich hingegen nicht signifikant zwischen den beiden Gruppen, wobei der Anteil an sicherer Mutter-Kind-Bindung signifikant höher war als in einer großen Vergleichsstichprobe ohne Intervention. Die fehlenden Effekte könnten darauf zurückzuführen sein, dass die Kontrollgruppe mehr als eine Treatment-As-Usual Intervention erhielt. Insgesamt zeigten über 90% der Kinder in SAFE mindestens eine sichere Bindung zu einem Elternteil. In der zweiten Publikation wurden die Interventionseffekte des SAFE-Programms auf verschiedenen Domänen untersucht und zwischen der SAFE-Gruppe und der Kontrollgruppe verglichen. Dabei wurden folgende Hypothesen geprüft: (1) Kind-Domäne: Es wurde angenommen, dass in der SAFE-Gruppe mehr Kinder ein sicheres Bindungsmuster zeigen würden als in der Kontrollgruppe. (2) Eltern-Kind-Domäne: Es wurde angenommen, dass die Übereinstimmung zwischen einer unsicheren oder desorganisierten Bindung der Eltern und einer entsprechenden Bindung des Kindes in der SAFE-Gruppe seltener auftreten würde als in der Kontrollgruppe. (3) Eltern-Domäne: Es wurde angenommen, dass der Anstieg der Partnerschaftsprobleme im Verlauf der Zeit in der SAFE-Gruppe geringer ausfallen würde und dass die Partnerschaftsqualität sowohl von Müttern als auch von Vätern, die am SAFE Programm teilgenommen haben, höher eingeschätzt werden würde. Die Ergebnisse zeigen (1), dass im Vergleich zur Kontrollgruppe deskriptiv zwar mehr Kinder in der SAFE-Gruppe als sicher gebunden klassifiziert wurden, (51.4% vs. 38.2%), der Unterschied jedoch keine statistische Signifikanz erreichte. Diese Befunde stimmen mit den Ergebnissen von Stams und Kollegen (2001) und Zajac und Kollegen (2019) überein, die Interventionseffekte vor allem in der frühen Kindheit, jedoch nicht in der mittleren Kindheit nachweisen konnten. Das Ausbleiben statistisch signifikanter Ergebnisse könnte auf die verwendeten Messmethoden der Bindung zurückzuführen sein, die sich je nach Entwicklungsstand des Kindes unterscheiden Der Anteil sicherer Bindung im Kleinkindalter ist tendenziell höher als in der mittleren Kindheit (Gloger-Tippelt & Kappler, 2016). (2) Eine signifikant größere Anzahl von Kindern unsicher gebundener Mütter in der SAFE-Gruppe zeigte eine sichere Bindung (50 %) im Vergleich zur Kontrollgruppe (25 %). In der Gesamtstichprobe der Mütter mit ungelöstem Trauma zeigte kein Kind ein desorganisiertes Bindungsmuster. Diese Ergebnisse stimmen mit den Befunden von Zwönitzer und Kollegen (2015) überein, die zeigten, dass Mütter mit verschiedenen Risikofaktoren besonders stark von Präventionsmaßnahmen profitieren. Van Ijzendoorn und Kollegen (1995) postulierten, dass Interventionen insbesondere bei Müttern mit unsicherer Bindung wirksam sind. Dieses Ergebnis lässt sich im Kontext des Präventionsparadoxons interpretieren: Präventionsmaßnahmen können bei spezifischen Hochrisikogruppen einen hohen individuellen Nutzen erzielen, während der Großteil der Zielpopulation nur begrenzte oder keine positiven Effekte erfährt (Franzkowiak, 2022). (3) Sechs Jahre nach der Intervention war der Anstieg der wahrgenommenen Partnerschaftsprobleme bei Müttern in der SAFE Gruppe statistisch signifikant geringer als in der Kontrollgruppe. Darüber hinaus schätzten die Mütter in der SAFE-Gruppe die Qualität ihrer Partnerschaft signifikant besser ein als die Mütter in der Kontrollgruppe. Bei den Vätern zeigten sich ähnliche Tendenzen, jedoch ohne statistisch signifikante Unterschiede. Insgesamt scheint es einfacher zu sein, Interventionseffekte bei proximalen Outcomemaßen, wie der Eltern-Domäne, nachzuweisen als bei mehr distalen Outcomemaßen wie der kindlichen Bindung (Taubner et al., 2013; Taubner et al., 2015). Die Ergebnisse beider Publikationen liefern umfassende Erkenntnisse zu den Effekten einer bindungsbasierten Prävention. Das bereits 1997 von Philip Cowan formulierte Plädoyer (Cowan, 1997), Väter in die Förderung einer sicheren Bindung der Kinder zu integrieren, konnte in dieser Längsschnittstudie erfolgreich umgesetzt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass das bindungsbasierte SAFE-Programm die Entwicklung einer sicheren Vater-Kind-Bindung wirksam fördern kann. Darüber hinaus profitierten insbesondere Mütter mit einer unsicheren Bindungsrepräsentation oder ungelösten traumatischen Erfahrungen von der Intervention. Über 90% der Kinder in der SAFE-Gruppe entwickelten mindestens eine sichere Bindung zu einem Elternteil. Der Anteil sicherer Bindung in der SAFE-Gruppe war höher als in Vergleichsstichproben ohne Intervention. Diese Ergebnisse unterstreichen die Relevanz der Integration beider Elternteile in Präventionsprogramme zur Förderung einer sicheren Bindung, die eine zentrale Ressource für die gesunde Entwicklung von Kindern darstellt. Eine zentrale Implikation für die klinische Praxis besteht darin, Strategien zu entwickeln, um insbesondere Mütter mit unsicherem Bindungsrepräsentation oder ungelösten traumatischen Erfahrungen effektiv in solche Präventionsangebote einzubinden. Darüber hinaus sollte zukünftige Forschung darauf abzielen, spezifische Anpassungen der Programminhalte zu identifizieren, die dazu beitragen, die Interventionseffekte auf die Bindung sowohl im Kleinkindalter als auch in der mittleren Kindheit zu steigern. Im Hinblick auf die Verbesserung der Partnerschaftsqualität profitierten insbesondere die Mütter. Dieser Befund ist von besonderer klinischer Relevanz, da die Abnahme der Partnerschaftszufriedenheit nach der Geburt eines Kindes vor allem Mütter betrifft (Shapiro et al., 2000). Zukünftige Forschung sollte daher untersuchen, wie die Programminhalte angepasst werden können, damit auch die Väter stärker von der Verbesserung der Partnerschaftsqualität profitieren. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass der bindungsorientierte Ansatz des SAFE-Programms das gesamte Familiensystem unterstützen und einen Betrag dazu leisten kann, ein zentrales und existenziell wichtiges psychisches Grundbedürfnis des Menschen zu fördern: Die Bindung zu anderen Menschen.
| Dokumententyp: | Dissertationen (Dissertation, LMU München) |
|---|---|
| Themengebiete: | 600 Technik, Medizin, angewandte Wissenschaften
600 Technik, Medizin, angewandte Wissenschaften > 610 Medizin und Gesundheit |
| Fakultäten: | Medizinische Fakultät |
| Sprache der Hochschulschrift: | Deutsch |
| Datum der mündlichen Prüfung: | 27. Januar 2026 |
| 1. Berichterstatter:in: | Brisch, Karl-Heinz |
| MD5 Prüfsumme der PDF-Datei: | d5efbadd62bb08433b739eef65f81e62 |
| Signatur der gedruckten Ausgabe: | 0700/UMD 22728 |
| ID Code: | 36673 |
| Eingestellt am: | 10. Apr. 2026 11:19 |
| Letzte Änderungen: | 10. Apr. 2026 11:19 |