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Anfragen zu und Praxis von Suizidassistenz in der deutschen Palliativversorgung. eine Befragung unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP)
Anfragen zu und Praxis von Suizidassistenz in der deutschen Palliativversorgung. eine Befragung unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP)
Einleitung: Wissenschaftliche Daten zu Suizidassistenz-Anfragen und -Praxis stammen vorwiegend aus Nordamerika, den Benelux-Staaten und der Schweiz. Entsprechende Daten aus Deutschland sind kaum vorhanden. Die Studie zielte darauf ab, Suizidassistenz-Anfragen, die an Professionelle in der deutschen Palliativversorgung gerichtet wurden, deren Umgang mit diesen Anfragen sowie die Rahmenbedingungen, innerhalb derer assistierte Suizide stattfanden, zu beschreiben. Methodik: Es wurde eine webbasierte Umfrage (Oktober 2023 - Januar 2024) unter allen Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) durchgeführt, deren E-Mail-Adressen bekannt waren (n=5667). Der Fragebogen basierte auf einer umfassenden Literaturrecherche und wurde unter Beteiligung von Expert:innen aus einschlägigen Fachbereichen konzipiert. Die Daten wurden quantitativ-deskriptiv mit IBM SPSS Statistics© und qualitativ-inhaltsanalytisch mit MAXQDA© ausgewertet. Ergebnisse: Aufrufrate 434/2585 (16,8%), Teilnehmendenrate 337/434 (77,6%), Abschlussrate 272/337 (80,7%). Insgesamt wurden n=321 Datensätze ausgewertet. Mehr als 60% der Teilnehmenden waren mindestens 51 Jahre alt (202/321, 62,9%), knapp 65% waren Frauen. Es nahmen mehrheitlich Ärzt:innen an der Umfrage teil (59,5%). Knapp ein Viertel der Teilnehmenden waren Pflegekräfte (24,6%). Knapp 60% der Teilnehmenden gaben an, seit 2020 konkrete Suizidassistenz-Anfragen erhalten zu haben (189/321, 58,9%). Bei den allermeisten Suizidassistenz-Fällen, die in der Umfrage berichtet wurden, lag eine Erkrankung vor (210/224, 93,8%). In mehr als 50% der Fälle litt die suizidbegehrende Person an einer Krebserkrankung (111/210, 52,9%). Am zweithäufigsten lag eine Amyotrophe Lateralsklerose (31/210, 14,8%) vor. 7,1% (15/210) der suizidbegehrenden Personen hatten eine psychische Erkrankung. Die am häufigsten angegebenen Gründe für die Suizidwünsche waren Autonomieverlust (153/224, 68,3%), Verlust der Fähigkeit, Aktivitäten des täglichen Lebens nachzugehen (128/224, 57,1%), Würdeverlust (122/224, 54,5%) und der Verlust der Kontrolle über körperliche Funktionen (117/224, 52,2%). In ca. einem Viertel der Fälle stimmten die Teilnehmenden eher nicht oder überhaupt nicht zu, dass die suizidbegehrende Person zum Zeitpunkt der Anfrage über existierende Hilfemöglichkeiten informiert war (52/220, 23,6%) bzw. dass der Suizidwunsch zum Zeitpunkt der Anfrage von Dauerhaftigkeit und innerer Festigkeit getragen war (59/220, 26,8%). In ca. der Hälfte der Fälle erfolgte eine strukturierte Erfassung von Suizidwünschen (52,5%, 114/217). In knapp drei Viertel der Fälle mit anhaltendem Suizidwunsch erfolgte eine weitere Betreuung, ohne Suizidassistenz zu leisten (84/113, 74,3%). In 10/113 Fällen (8,8%) wurde ein assistierter Suizid durchgeführt. In 4/10 Fällen erfolgte keine Begutachtung der Freiverantwortlichkeit durch eine zusätzliche Fachkraft. Am häufigsten wurden Opioide als Suizidmittel eingesetzt (5/10), gefolgt von Barbituraten (3/10). In 8/10 Fällen betrug die Dauer zwischen Anfrage und Durchführung höchstens drei Monate. Diskussion: Die Mehrheit der Teilnehmenden erhielt seit 2020 konkrete Suizidassistenz-Anfragen. Nach deren Ansicht waren wesentliche Freiverantwortlichkeitskriterien zum Zeitpunkt der Anfrage in bis zu einem Viertel der Fälle nicht erfüllt. Der Umgang der Teilnehmenden mit Suizidassistenz-Anfragen war in mehrerlei Hinsicht kompetent. Eine strukturierte Erfassung von Suizidwünschen ist unerlässlich für die Behandlungsplanung und die Beurteilung der Freiverantwortlichkeit. Begutachtung und Durchführung der Suizidassistenz sollten personell getrennt werden. Die Entwicklung professioneller Standards ist erforderlich, um einen verantwortungsvollen Umgang mit Anfragen zu Suizidassistenz und deren Durchführung sicherstellen zu können. Entsprechende Anstrengungen werden bereits unternommen., Introduction: Scientific data on requests for and practice of assisted suicide originate primarily from North America, the Benelux countries and Switzerland. Corresponding data from Germany are scarce. The study aimed to describe requests for assisted suicide addressed to professionals in German palliative care, how professionals handled requests and under which conditions assisted suicide took place. Methods: A web-based survey (October 2023 - January 2024) was conducted among all members of the German Association for Palliative Medicine with known e-mail addresses (n=5667). The questionnaire was based on a comprehensive literature review and designed with participation of experts from relevant fields. A quantitative-descriptive data analysis was conducted with IBM SPSS Statistics© and a qualitative content analysis was conducted using MAXQDA©. Results: View rate 434/2585 (16,8%), participation rate 337/434 (77,6%), completion rate 272/337 (80,7%). A total of n=321 data sets were analysed. More than 60% of the participants were at least 51 years old (202/321, 62.9%), almost 65% were women. The majority of respondents were doctors (59.5%). Just under a quarter of the participants were nurses (24.6%). Almost 60% of participants stated that they had received specific requests for assisted suicide since 2020 (189/321, 58,9%). The vast majority of assisted suicide cases reported in the survey involved an illness (210/224, 93.8%). In more than 50% of cases, the person requesting assisted suicide was suffering from cancer (111/210, 52.9%). The second most common disease was motor neurone disease (31/210, 14,8%). 7,1% (15/210) of the suicidal persons suffered from a mental disorder. The most frequently cited reasons for suicide wishes were loss of autonomy (153/224, 68,3%), loss of ability to perform activities of daily living (128/224, 57,1%), loss of dignity (122/224, 54,5%) and loss of control over physical functions (117/224, 52,2%). In around a quarter of cases, the participants tended not to agree or did not agree at all that the person requesting assisted suicide was informed about support options at the time of the request (52/220, 23,6%) or that the suicide wish was firm and deliberate at the time of the request (59/220, 26,8%). In about half of the cases, a structured assessment of suicide wishes was carried out (52,5%, 114/217). In almost three quarters of the cases with a persistent suicidal wish, further support was provided without providing assisted suicide (84/113, 74,3%). In 10/113 cases (8,8%), assisted suicide was provided. In 4/10 cases, there was no assessment of free responsibility by an additional specialist. Opioids were most frequently used as suicide drugs (5/10), followed by barbiturates (3/10). In 8/10 cases, three months or less passed between the request for and the carrying out of assisted suicide. Discussion: Most participants have received specific requests for assisted suicide since 2020. According to them, essential criteria of free responsibility were not met at the time of the request in up to a quarter of cases. In several respects participants dealt with requests for assisted suicide competently. Recording of suicide wishes in a structured manner is essential for treatment planning and assessment of free responsibility. The assessment and execution of assisted suicide should be performed by different individuals. The development of professional standards is necessary to ensure that requests for and practice of assisted suicide are handled responsibly. Corresponding efforts are already being made.
Suizidassistenz, Freiverantwortlichkeit, Todeswunsch, Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, §217 StGB
Turiaux, Julian
2026
Deutsch
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Turiaux, Julian (2026): Anfragen zu und Praxis von Suizidassistenz in der deutschen Palliativversorgung: eine Befragung unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). Dissertation, LMU München: Medizinische Fakultät
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Abstract

Einleitung: Wissenschaftliche Daten zu Suizidassistenz-Anfragen und -Praxis stammen vorwiegend aus Nordamerika, den Benelux-Staaten und der Schweiz. Entsprechende Daten aus Deutschland sind kaum vorhanden. Die Studie zielte darauf ab, Suizidassistenz-Anfragen, die an Professionelle in der deutschen Palliativversorgung gerichtet wurden, deren Umgang mit diesen Anfragen sowie die Rahmenbedingungen, innerhalb derer assistierte Suizide stattfanden, zu beschreiben. Methodik: Es wurde eine webbasierte Umfrage (Oktober 2023 - Januar 2024) unter allen Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) durchgeführt, deren E-Mail-Adressen bekannt waren (n=5667). Der Fragebogen basierte auf einer umfassenden Literaturrecherche und wurde unter Beteiligung von Expert:innen aus einschlägigen Fachbereichen konzipiert. Die Daten wurden quantitativ-deskriptiv mit IBM SPSS Statistics© und qualitativ-inhaltsanalytisch mit MAXQDA© ausgewertet. Ergebnisse: Aufrufrate 434/2585 (16,8%), Teilnehmendenrate 337/434 (77,6%), Abschlussrate 272/337 (80,7%). Insgesamt wurden n=321 Datensätze ausgewertet. Mehr als 60% der Teilnehmenden waren mindestens 51 Jahre alt (202/321, 62,9%), knapp 65% waren Frauen. Es nahmen mehrheitlich Ärzt:innen an der Umfrage teil (59,5%). Knapp ein Viertel der Teilnehmenden waren Pflegekräfte (24,6%). Knapp 60% der Teilnehmenden gaben an, seit 2020 konkrete Suizidassistenz-Anfragen erhalten zu haben (189/321, 58,9%). Bei den allermeisten Suizidassistenz-Fällen, die in der Umfrage berichtet wurden, lag eine Erkrankung vor (210/224, 93,8%). In mehr als 50% der Fälle litt die suizidbegehrende Person an einer Krebserkrankung (111/210, 52,9%). Am zweithäufigsten lag eine Amyotrophe Lateralsklerose (31/210, 14,8%) vor. 7,1% (15/210) der suizidbegehrenden Personen hatten eine psychische Erkrankung. Die am häufigsten angegebenen Gründe für die Suizidwünsche waren Autonomieverlust (153/224, 68,3%), Verlust der Fähigkeit, Aktivitäten des täglichen Lebens nachzugehen (128/224, 57,1%), Würdeverlust (122/224, 54,5%) und der Verlust der Kontrolle über körperliche Funktionen (117/224, 52,2%). In ca. einem Viertel der Fälle stimmten die Teilnehmenden eher nicht oder überhaupt nicht zu, dass die suizidbegehrende Person zum Zeitpunkt der Anfrage über existierende Hilfemöglichkeiten informiert war (52/220, 23,6%) bzw. dass der Suizidwunsch zum Zeitpunkt der Anfrage von Dauerhaftigkeit und innerer Festigkeit getragen war (59/220, 26,8%). In ca. der Hälfte der Fälle erfolgte eine strukturierte Erfassung von Suizidwünschen (52,5%, 114/217). In knapp drei Viertel der Fälle mit anhaltendem Suizidwunsch erfolgte eine weitere Betreuung, ohne Suizidassistenz zu leisten (84/113, 74,3%). In 10/113 Fällen (8,8%) wurde ein assistierter Suizid durchgeführt. In 4/10 Fällen erfolgte keine Begutachtung der Freiverantwortlichkeit durch eine zusätzliche Fachkraft. Am häufigsten wurden Opioide als Suizidmittel eingesetzt (5/10), gefolgt von Barbituraten (3/10). In 8/10 Fällen betrug die Dauer zwischen Anfrage und Durchführung höchstens drei Monate. Diskussion: Die Mehrheit der Teilnehmenden erhielt seit 2020 konkrete Suizidassistenz-Anfragen. Nach deren Ansicht waren wesentliche Freiverantwortlichkeitskriterien zum Zeitpunkt der Anfrage in bis zu einem Viertel der Fälle nicht erfüllt. Der Umgang der Teilnehmenden mit Suizidassistenz-Anfragen war in mehrerlei Hinsicht kompetent. Eine strukturierte Erfassung von Suizidwünschen ist unerlässlich für die Behandlungsplanung und die Beurteilung der Freiverantwortlichkeit. Begutachtung und Durchführung der Suizidassistenz sollten personell getrennt werden. Die Entwicklung professioneller Standards ist erforderlich, um einen verantwortungsvollen Umgang mit Anfragen zu Suizidassistenz und deren Durchführung sicherstellen zu können. Entsprechende Anstrengungen werden bereits unternommen.

Abstract

Introduction: Scientific data on requests for and practice of assisted suicide originate primarily from North America, the Benelux countries and Switzerland. Corresponding data from Germany are scarce. The study aimed to describe requests for assisted suicide addressed to professionals in German palliative care, how professionals handled requests and under which conditions assisted suicide took place. Methods: A web-based survey (October 2023 - January 2024) was conducted among all members of the German Association for Palliative Medicine with known e-mail addresses (n=5667). The questionnaire was based on a comprehensive literature review and designed with participation of experts from relevant fields. A quantitative-descriptive data analysis was conducted with IBM SPSS Statistics© and a qualitative content analysis was conducted using MAXQDA©. Results: View rate 434/2585 (16,8%), participation rate 337/434 (77,6%), completion rate 272/337 (80,7%). A total of n=321 data sets were analysed. More than 60% of the participants were at least 51 years old (202/321, 62.9%), almost 65% were women. The majority of respondents were doctors (59.5%). Just under a quarter of the participants were nurses (24.6%). Almost 60% of participants stated that they had received specific requests for assisted suicide since 2020 (189/321, 58,9%). The vast majority of assisted suicide cases reported in the survey involved an illness (210/224, 93.8%). In more than 50% of cases, the person requesting assisted suicide was suffering from cancer (111/210, 52.9%). The second most common disease was motor neurone disease (31/210, 14,8%). 7,1% (15/210) of the suicidal persons suffered from a mental disorder. The most frequently cited reasons for suicide wishes were loss of autonomy (153/224, 68,3%), loss of ability to perform activities of daily living (128/224, 57,1%), loss of dignity (122/224, 54,5%) and loss of control over physical functions (117/224, 52,2%). In around a quarter of cases, the participants tended not to agree or did not agree at all that the person requesting assisted suicide was informed about support options at the time of the request (52/220, 23,6%) or that the suicide wish was firm and deliberate at the time of the request (59/220, 26,8%). In about half of the cases, a structured assessment of suicide wishes was carried out (52,5%, 114/217). In almost three quarters of the cases with a persistent suicidal wish, further support was provided without providing assisted suicide (84/113, 74,3%). In 10/113 cases (8,8%), assisted suicide was provided. In 4/10 cases, there was no assessment of free responsibility by an additional specialist. Opioids were most frequently used as suicide drugs (5/10), followed by barbiturates (3/10). In 8/10 cases, three months or less passed between the request for and the carrying out of assisted suicide. Discussion: Most participants have received specific requests for assisted suicide since 2020. According to them, essential criteria of free responsibility were not met at the time of the request in up to a quarter of cases. In several respects participants dealt with requests for assisted suicide competently. Recording of suicide wishes in a structured manner is essential for treatment planning and assessment of free responsibility. The assessment and execution of assisted suicide should be performed by different individuals. The development of professional standards is necessary to ensure that requests for and practice of assisted suicide are handled responsibly. Corresponding efforts are already being made.