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Bedeutung der Hörrehabilitation bei Cochlea-Implantat Patienten für die vestibuläre Stabilität und Raumorientierung
Bedeutung der Hörrehabilitation bei Cochlea-Implantat Patienten für die vestibuläre Stabilität und Raumorientierung
Einleitung: Die operative Versorgung von hochgradig hörgeschädigten und ertaubten Menschen durch ein Cochlea-Implantat („CI“) zählt seit mehr als drei Jahrzehnten zu einem Routineeingriff in der Ohrchirurgie. Insgesamt wurden weltweit bis 2022 ca. 60.000 Menschen mit einem Cochlea-Implantat operativ versorgt. Gleichgewichtsstörungen treten nach einer ein- oder beidseitigen CI-Operation („CI-OP“) relativ häufig auf und können sich als Früh- und Spätkomplikation äußern. Infolgedessen kann es zu einem erhöhten Sturzrisiko kommen. Ziel dieser klinisch prospektiven Studie an der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde des Klinikums der Universität München war die Untersuchung der Auswirkungen der Hörrehabilitation bei CI-Patienten ein bis drei Jahre nach CI-Versorgung auf das Gleichgewichtssystem. Die Analysen und Auswertungen erfolgten hierbei getrennt mit unterschiedlichen Schwerpunkten: in zeitlicher Verlaufsentwicklung vor und nach der CI-OP, unter Hinzunahme akustischer Reize sowie nach geschlechts- und altersspezifischen Aspekten. Methodik: Das Patientenkollektiv setzte sich aus 33 CI-Patienten (17 Frauen und 16 Männer) zusammen, die am Untersuchungstag zwischen 33 und 83 Jahre alt waren. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich vom 30.05.2017 bis zum 22.11.2017. Im Vorfeld dieser Studie fanden bei allen Patienten vor der CI-OP als auch sechs Wochen danach bereits Datenerhebungen in Form zweier Fragebögen zu Schwindelsymptomen und posturographische Gleichgewichtsmessungen statt. Im Rahmen der dritten postoperativen Nachuntersuchung ein bis drei Jahre nach CI-OP erfolgte erneut eine Befragung der Patienten anhand des Fragebogens zur Schwindelsymptomatik sowie anhand des Dizziness Handicap Inventory („DHI“) - Fragebogens. Die Gleichgewichtsmessungen wurden mithilfe des Vertiguard®-RT-Gerätes in dieser Studie erstmalig zusätzlich auch mit akustischen Reizen durchgeführt. Jeder Patient unter 60 Jahren führte unter Aufsicht und Anleitung sieben Messreihen mit jeweils 14 aufeinanderfolgenden Gleichgewichtsübungen des Standard-Balance-Defizittests („SBDT“) durch, alle CI-Patienten über 60 Jahre die 14 Übungen des modifizierten Standard-Balance-Defizittests („gSBDT“). Ergebnisse: Die Auswertung des Fragebogens zur Schwindelsymptomatik ergab, dass ein bis drei Jahre nach CI-OP nur noch bei einem Drittel der CI-Patienten Gleichgewichtsstörungen auftraten und diese sich bei mehr als der Hälfte der Patienten im Laufe der Zeit verringerten. Darüber hinaus ergab die Auswertung des DHI-Fragebogens, dass die Schwindelbeschwerden ein bis drei Jahre nach CI-OP bei einem Viertel der Patienten sowohl beim Gehen auf unebenem Untergrund als auch bei schnellen Kopfbewegungen zunahmen. Bei mehr als der Hälfte aller untersuchten Patienten reduzierten sich ein bis drei Jahre nach CI-OP die mittleren Sturzrisikowerte signifikant bei eingeschaltetem CI im Vergleich zum ausgeschalteten CI. Die Hinzunahme akustischer Reize („Musik“, „weißes Rauschen“ und „Sprachtext“) führte bei „Musik“ und „Sprachtext“ zu einer Reduzierung der mittleren Sturzrisikowerte, bei „weißem Rauschen“ dagegen erhöhten sich die mittleren Sturzrisikowerte. Der Vergleich der mittleren Sturzrisikowerte vor CI-OP und ein bis drei Jahre nach CI-OP führte bei ca. zwei Drittel aller Patienten ein bis drei Jahre nach CI-OP zu geringeren mittleren Sturzrisikowerten. Bei der Analyse der seitlichen Oberkörperschwankungen ein bis drei Jahre nach CI-OP traten in den Vergleichen „CI Aus“ vs. „CI Ein“ und „CI Ein“ vs. „Musik“ statistisch signifikant geringere Oberkörperschwankungen auf. Beim Vergleich „CI Aus“ vs. „CI Ein“ war die seitliche Oberkörperschwankung bei „CI Ein“ am geringsten, beim Vergleich „CI Ein“ vs. „Musik“ bei „Musik“. Auch der Vergleich der Oberkörperschwankungen „vor und zurück“ führte sowohl bei Hinzunahme von „Musik“ als auch bei Hinzunahme von „Sprachtext“ im Vergleich zu „CI Ein“ ohne akustische Reize zu einer signifikanten Reduzierung der Oberkörperschwankungen. Schlussfolgerung: Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass bei hochgradig hörgeschädigten und ertaubten erwachsenen Menschen ein bis drei Jahre nach erfolgter CI-OP in den durchgeführten Messreihen geringere Werte für das Sturzrisiko bei eingeschaltetem CI ermittelt wurden. Auch die Hinzunahme der akustischen Reize „Musik“ und „Sprachtext“ wirkte sich während der durchgeführten Messreihen positiv auf die Reduzierung des Sturzrisikos aus.
Hörrehabilitation, Cochlea-Implantat Patienten, vestibuläre Stabilität, Raumorientierung
Rösel, Christopher
2025
Deutsch
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Rösel, Christopher (2025): Bedeutung der Hörrehabilitation bei Cochlea-Implantat Patienten für die vestibuläre Stabilität und Raumorientierung. Dissertation, LMU München: Medizinische Fakultät
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Abstract

Einleitung: Die operative Versorgung von hochgradig hörgeschädigten und ertaubten Menschen durch ein Cochlea-Implantat („CI“) zählt seit mehr als drei Jahrzehnten zu einem Routineeingriff in der Ohrchirurgie. Insgesamt wurden weltweit bis 2022 ca. 60.000 Menschen mit einem Cochlea-Implantat operativ versorgt. Gleichgewichtsstörungen treten nach einer ein- oder beidseitigen CI-Operation („CI-OP“) relativ häufig auf und können sich als Früh- und Spätkomplikation äußern. Infolgedessen kann es zu einem erhöhten Sturzrisiko kommen. Ziel dieser klinisch prospektiven Studie an der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde des Klinikums der Universität München war die Untersuchung der Auswirkungen der Hörrehabilitation bei CI-Patienten ein bis drei Jahre nach CI-Versorgung auf das Gleichgewichtssystem. Die Analysen und Auswertungen erfolgten hierbei getrennt mit unterschiedlichen Schwerpunkten: in zeitlicher Verlaufsentwicklung vor und nach der CI-OP, unter Hinzunahme akustischer Reize sowie nach geschlechts- und altersspezifischen Aspekten. Methodik: Das Patientenkollektiv setzte sich aus 33 CI-Patienten (17 Frauen und 16 Männer) zusammen, die am Untersuchungstag zwischen 33 und 83 Jahre alt waren. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich vom 30.05.2017 bis zum 22.11.2017. Im Vorfeld dieser Studie fanden bei allen Patienten vor der CI-OP als auch sechs Wochen danach bereits Datenerhebungen in Form zweier Fragebögen zu Schwindelsymptomen und posturographische Gleichgewichtsmessungen statt. Im Rahmen der dritten postoperativen Nachuntersuchung ein bis drei Jahre nach CI-OP erfolgte erneut eine Befragung der Patienten anhand des Fragebogens zur Schwindelsymptomatik sowie anhand des Dizziness Handicap Inventory („DHI“) - Fragebogens. Die Gleichgewichtsmessungen wurden mithilfe des Vertiguard®-RT-Gerätes in dieser Studie erstmalig zusätzlich auch mit akustischen Reizen durchgeführt. Jeder Patient unter 60 Jahren führte unter Aufsicht und Anleitung sieben Messreihen mit jeweils 14 aufeinanderfolgenden Gleichgewichtsübungen des Standard-Balance-Defizittests („SBDT“) durch, alle CI-Patienten über 60 Jahre die 14 Übungen des modifizierten Standard-Balance-Defizittests („gSBDT“). Ergebnisse: Die Auswertung des Fragebogens zur Schwindelsymptomatik ergab, dass ein bis drei Jahre nach CI-OP nur noch bei einem Drittel der CI-Patienten Gleichgewichtsstörungen auftraten und diese sich bei mehr als der Hälfte der Patienten im Laufe der Zeit verringerten. Darüber hinaus ergab die Auswertung des DHI-Fragebogens, dass die Schwindelbeschwerden ein bis drei Jahre nach CI-OP bei einem Viertel der Patienten sowohl beim Gehen auf unebenem Untergrund als auch bei schnellen Kopfbewegungen zunahmen. Bei mehr als der Hälfte aller untersuchten Patienten reduzierten sich ein bis drei Jahre nach CI-OP die mittleren Sturzrisikowerte signifikant bei eingeschaltetem CI im Vergleich zum ausgeschalteten CI. Die Hinzunahme akustischer Reize („Musik“, „weißes Rauschen“ und „Sprachtext“) führte bei „Musik“ und „Sprachtext“ zu einer Reduzierung der mittleren Sturzrisikowerte, bei „weißem Rauschen“ dagegen erhöhten sich die mittleren Sturzrisikowerte. Der Vergleich der mittleren Sturzrisikowerte vor CI-OP und ein bis drei Jahre nach CI-OP führte bei ca. zwei Drittel aller Patienten ein bis drei Jahre nach CI-OP zu geringeren mittleren Sturzrisikowerten. Bei der Analyse der seitlichen Oberkörperschwankungen ein bis drei Jahre nach CI-OP traten in den Vergleichen „CI Aus“ vs. „CI Ein“ und „CI Ein“ vs. „Musik“ statistisch signifikant geringere Oberkörperschwankungen auf. Beim Vergleich „CI Aus“ vs. „CI Ein“ war die seitliche Oberkörperschwankung bei „CI Ein“ am geringsten, beim Vergleich „CI Ein“ vs. „Musik“ bei „Musik“. Auch der Vergleich der Oberkörperschwankungen „vor und zurück“ führte sowohl bei Hinzunahme von „Musik“ als auch bei Hinzunahme von „Sprachtext“ im Vergleich zu „CI Ein“ ohne akustische Reize zu einer signifikanten Reduzierung der Oberkörperschwankungen. Schlussfolgerung: Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass bei hochgradig hörgeschädigten und ertaubten erwachsenen Menschen ein bis drei Jahre nach erfolgter CI-OP in den durchgeführten Messreihen geringere Werte für das Sturzrisiko bei eingeschaltetem CI ermittelt wurden. Auch die Hinzunahme der akustischen Reize „Musik“ und „Sprachtext“ wirkte sich während der durchgeführten Messreihen positiv auf die Reduzierung des Sturzrisikos aus.