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Untersuchungen zu Streptokokken der Gruppe A und Mycoplasma pneumoniae als Risikofaktoren für chronische Tic-Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Untersuchungen zu Streptokokken der Gruppe A und Mycoplasma pneumoniae als Risikofaktoren für chronische Tic-Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Bislang ist über die Ätiologie von chronischen Tic-Störungen (CTD) wenig bekannt. Es wird von einer multifaktoriellen Pathogenese ausgegangen, einem Zusammenspiel von Umwelt- und genetischen Faktoren. Infektiöse Erreger könnten einen Risikofaktor für den Beginn und Verlauf von CTD darstellen. Trotz zahlreicher Studien konnte die Frage, ob Streptokokken der Gruppe A (GAS) mit Tic-Exazerbationen bei Kindern und Jugendlichen mit CTD zusammenhängen, bislang nicht abschließend geklärt werden. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass Mycoplasma (M.) pneumoniae Infektionen mit CTD in Zusammenhang stehen könnten. Publikation I untersuchte anhand einer großen, prospektiven, multizentrischen Studie bei Kindern und Jugendlichen mit CTD den Zusammenhang zwischen GAS-Expositionen und Tic-Exazerba- tionen. Insgesamt wurden 715 Kinder und Jugendliche mit CTD über durchschnittlich 16 Monate beobachtet, wobei der Schweregrad der CTD sowie der Schweregrad möglicher komorbider Zwangs- und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) alle 4 Monate bewertet wurden. Tic-Exazerbationen wurden mittels der Yale Global Tic Severity Scale (YGTSS) festge- stellt (Klinische Relevanz: Unterschied von 6 Punkten zur vorherigen Testung). GAS-Expositio- nen wurden anhand von Rachenabstrichen (emm-typisiert) und serologischen Analysen (Anti- DNAse B und Antistreptolysin O) definiert. Unseres Wissens ist diese Studie einzigartig in Bezug auf den Stichprobenumfang und die Bewertung von Komorbiditäten im Bereich der Forschung zu GAS-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen mit CTD. Die vorliegende Publikation I konnte keinen signifikanten Zusammenhang zwischen GAS-Expositionen und Tic-Exazerbationen feststellen. Hingegen wurde ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen GAS-Expositionen und Veränderungen der Schwere der Hyperaktivitäts-Impulsivitäts-Symptomatik beobachtet. Die Ergebnisse der Publikation I geben keine Anhaltspunkte für eine spezifische Untersuchung und aktive Behandlung von GAS-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen mit CTD. Weitere Untersuchungen von Kindern und Jugendlichen mit CTD und komorbider ADHS sind notwendig, um den Zusammenhang zwischen GAS und dem Verlauf der ADHS-Symptomatik zu beleuchten. Publikation II untersuchte und verglich die Raten der M. pneumoniae IgG-Positivität in drei Gruppen: 302 Kinder und Jugendliche mit CTD; 51 Verwandte ersten Grades von Kindern und Jugendlichen mit CTD, die innerhalb des Studienzeitraums Tics entwickelten; und 88 Verwandte ersten Grades von Kindern und Jugendlichen mit CTD, die innerhalb des Studienzeitraums selbst keine Tics entwickelten und zum Zeitpunkt ihrer letzten Untersuchung älter als 10 Jahre waren. Die vorliegende Publikation II ist die bisher größte Querschnittsstudie zu M. pneumoniae Infektionen bei Kindern und Jugendlichen mit CTD und die erste, die eine M. pneumoniae Infektion bei Geschwistern im Zusammenhang mit dem Auftreten von Tics untersucht. Zwischen M. pneumoniae IgG-Positivität und dem Vorhandensein einer CTD oder dem erstmaligen Beginn von Tics konnte kein Zusammenhang gefunden werden. Hingegen wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen M.pneumoniae IgG-Positivität und einer höheren Tic-Schwere festgestellt (Publikation II). Weitere Untersuchungen zu infektiösen Erregern und CTD könnten Aufschluss über die Mechanismen geben, die dem Ausbruch, der Schwere und dem Verlauf der Krankheit zugrunde liegen., To date, little is known about the etiology of chronic tic disorders (CTD). A multifactorial pathogenesis is assumed, an interplay of genetic and environmental factors. Infectious agents could be a risk factor for the onset and course of CTD. Despite numerous studies, the question of whether group A streptococci (GAS) are associated with tic exacerbations in children and adolescents with CTD has not been conclusively addressed. In addition, there is evidence that Mycoplasma (M.) pneumoniae infections may be associated with CTD. Publication I examined the association between GAS exposures and tic exacerbations using a large, prospective, multicenter study in children and adolescents with CTD. A total of 715 children and adolescents with CTD were followed up for an average of 16 months. The severity of CTD as well as the severity of possible comorbid obsessive-compulsive (OCD) and attention- deficit/hyperactivity disorder (ADHD) were assessed every 4 months. Tic exacerbations were determined using the Yale Global Tic Severity Scale (YGTSS) (clinical relevance: difference of 6 points from previous testing). GAS exposures were defined using throat swabs (emm-typed) and serological analyses (anti-DNAse B and antistreptolysin O). To our knowledge, this study is unique in terms of sample size and evaluation of comorbidities in the field of research on GAS infections in children and adolescents with CTD. The present Publication I did not find a significant association between GAS exposures and clinically relevant exacerbations of tics. In contrast, a significant positive association was observed between GAS exposures and changes in hyperactivity-impulsivity symptom severity. The results of Publication I do not provide evidence for specific investigation and active treatment of GAS infections in children and adolescents with CTD. Further studies of children and adolescents with CTD and comorbid ADHD are needed to shed light on the association between GAS and the course of ADHD symptoms. Publication II examined and compared rates of M. pneumoniae IgG positivity in three groups: 302 children and adolescents with CTD; 51 first-degree relatives of children and adolescents with CTD who developed tics within the study period; and 88 first-degree relatives of children and adolescents with CTD who did not develop tics themselves within the study period and were older than 10 years at the time of their last assessment. The present Publication II is the largest cross- sectional study to date regarding M. pneumoniae IgG in children and adolescents with CTD and the first to examine M. pneumoniae IgG in siblings in relation to the occurrence of tics. No association was found between M. pneumoniae IgG positivity and the presence of CTD or the first onset of tics. In contrast, a significant association was found between M. pneumoniae IgG positivity and higher tic severity (Publication II). Further studies on infectious agents and CTD may shed light on the mechanisms underlying the onset, severity and course of the disease.
chronische Tic-Störungen, Streptokokken der Gruppe A, Mycoplasma pneumoniae
Schnell, Jaana
2023
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Schnell, Jaana (2023): Untersuchungen zu Streptokokken der Gruppe A und Mycoplasma pneumoniae als Risikofaktoren für chronische Tic-Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Abstract

Bislang ist über die Ätiologie von chronischen Tic-Störungen (CTD) wenig bekannt. Es wird von einer multifaktoriellen Pathogenese ausgegangen, einem Zusammenspiel von Umwelt- und genetischen Faktoren. Infektiöse Erreger könnten einen Risikofaktor für den Beginn und Verlauf von CTD darstellen. Trotz zahlreicher Studien konnte die Frage, ob Streptokokken der Gruppe A (GAS) mit Tic-Exazerbationen bei Kindern und Jugendlichen mit CTD zusammenhängen, bislang nicht abschließend geklärt werden. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass Mycoplasma (M.) pneumoniae Infektionen mit CTD in Zusammenhang stehen könnten. Publikation I untersuchte anhand einer großen, prospektiven, multizentrischen Studie bei Kindern und Jugendlichen mit CTD den Zusammenhang zwischen GAS-Expositionen und Tic-Exazerba- tionen. Insgesamt wurden 715 Kinder und Jugendliche mit CTD über durchschnittlich 16 Monate beobachtet, wobei der Schweregrad der CTD sowie der Schweregrad möglicher komorbider Zwangs- und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) alle 4 Monate bewertet wurden. Tic-Exazerbationen wurden mittels der Yale Global Tic Severity Scale (YGTSS) festge- stellt (Klinische Relevanz: Unterschied von 6 Punkten zur vorherigen Testung). GAS-Expositio- nen wurden anhand von Rachenabstrichen (emm-typisiert) und serologischen Analysen (Anti- DNAse B und Antistreptolysin O) definiert. Unseres Wissens ist diese Studie einzigartig in Bezug auf den Stichprobenumfang und die Bewertung von Komorbiditäten im Bereich der Forschung zu GAS-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen mit CTD. Die vorliegende Publikation I konnte keinen signifikanten Zusammenhang zwischen GAS-Expositionen und Tic-Exazerbationen feststellen. Hingegen wurde ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen GAS-Expositionen und Veränderungen der Schwere der Hyperaktivitäts-Impulsivitäts-Symptomatik beobachtet. Die Ergebnisse der Publikation I geben keine Anhaltspunkte für eine spezifische Untersuchung und aktive Behandlung von GAS-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen mit CTD. Weitere Untersuchungen von Kindern und Jugendlichen mit CTD und komorbider ADHS sind notwendig, um den Zusammenhang zwischen GAS und dem Verlauf der ADHS-Symptomatik zu beleuchten. Publikation II untersuchte und verglich die Raten der M. pneumoniae IgG-Positivität in drei Gruppen: 302 Kinder und Jugendliche mit CTD; 51 Verwandte ersten Grades von Kindern und Jugendlichen mit CTD, die innerhalb des Studienzeitraums Tics entwickelten; und 88 Verwandte ersten Grades von Kindern und Jugendlichen mit CTD, die innerhalb des Studienzeitraums selbst keine Tics entwickelten und zum Zeitpunkt ihrer letzten Untersuchung älter als 10 Jahre waren. Die vorliegende Publikation II ist die bisher größte Querschnittsstudie zu M. pneumoniae Infektionen bei Kindern und Jugendlichen mit CTD und die erste, die eine M. pneumoniae Infektion bei Geschwistern im Zusammenhang mit dem Auftreten von Tics untersucht. Zwischen M. pneumoniae IgG-Positivität und dem Vorhandensein einer CTD oder dem erstmaligen Beginn von Tics konnte kein Zusammenhang gefunden werden. Hingegen wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen M.pneumoniae IgG-Positivität und einer höheren Tic-Schwere festgestellt (Publikation II). Weitere Untersuchungen zu infektiösen Erregern und CTD könnten Aufschluss über die Mechanismen geben, die dem Ausbruch, der Schwere und dem Verlauf der Krankheit zugrunde liegen.

Abstract

To date, little is known about the etiology of chronic tic disorders (CTD). A multifactorial pathogenesis is assumed, an interplay of genetic and environmental factors. Infectious agents could be a risk factor for the onset and course of CTD. Despite numerous studies, the question of whether group A streptococci (GAS) are associated with tic exacerbations in children and adolescents with CTD has not been conclusively addressed. In addition, there is evidence that Mycoplasma (M.) pneumoniae infections may be associated with CTD. Publication I examined the association between GAS exposures and tic exacerbations using a large, prospective, multicenter study in children and adolescents with CTD. A total of 715 children and adolescents with CTD were followed up for an average of 16 months. The severity of CTD as well as the severity of possible comorbid obsessive-compulsive (OCD) and attention- deficit/hyperactivity disorder (ADHD) were assessed every 4 months. Tic exacerbations were determined using the Yale Global Tic Severity Scale (YGTSS) (clinical relevance: difference of 6 points from previous testing). GAS exposures were defined using throat swabs (emm-typed) and serological analyses (anti-DNAse B and antistreptolysin O). To our knowledge, this study is unique in terms of sample size and evaluation of comorbidities in the field of research on GAS infections in children and adolescents with CTD. The present Publication I did not find a significant association between GAS exposures and clinically relevant exacerbations of tics. In contrast, a significant positive association was observed between GAS exposures and changes in hyperactivity-impulsivity symptom severity. The results of Publication I do not provide evidence for specific investigation and active treatment of GAS infections in children and adolescents with CTD. Further studies of children and adolescents with CTD and comorbid ADHD are needed to shed light on the association between GAS and the course of ADHD symptoms. Publication II examined and compared rates of M. pneumoniae IgG positivity in three groups: 302 children and adolescents with CTD; 51 first-degree relatives of children and adolescents with CTD who developed tics within the study period; and 88 first-degree relatives of children and adolescents with CTD who did not develop tics themselves within the study period and were older than 10 years at the time of their last assessment. The present Publication II is the largest cross- sectional study to date regarding M. pneumoniae IgG in children and adolescents with CTD and the first to examine M. pneumoniae IgG in siblings in relation to the occurrence of tics. No association was found between M. pneumoniae IgG positivity and the presence of CTD or the first onset of tics. In contrast, a significant association was found between M. pneumoniae IgG positivity and higher tic severity (Publication II). Further studies on infectious agents and CTD may shed light on the mechanisms underlying the onset, severity and course of the disease.