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Die Ohrfeige - qualitative und quantitative Analyse
Die Ohrfeige - qualitative und quantitative Analyse
Hintergrund Die Begutachtung und Beurteilung von Verletzungen nach Gewaltdelikten stellt eine häufige Tätigkeit im rechtsmedizinischen Alltag dar. Oftmals zeigt sich hierbei jedoch eine Diskrepanz zwischen den dokumentierten Verletzungen und den Angaben über die Art der Gewalteinwirkung. So äußern sich die Beschuldigten eines Delikts häufig dahingehend, einer geschädigten Person „lediglich“ eine Ohrfeige versetzt zu haben, obwohl diese teils schwere Verletzungen aufzeigt. Die vorliegende Arbeit versuchte, derartige Diskrepanzen anhand der Auswertung von Gerichtsgutachten zu analysieren und die konkreten juristischen Fragestellungen herauszuarbeiten. Zudem sollten anhand von biomechanischen Messungen die Intensität von Ohrfeigen und Schlägen mit der flachen Hand objektiviert und eine objektive Bewertungsgrundlage geschaffen werden. Methodik Die konkreten Fragestellungen sollten über zwei Wege bearbeitet werden. Einerseits erfolgten biomechanische Messungen von insgesamt 30 ProbandInnen, welche Schläge mit der flachen Hand gegen eine Kraftmessplatte ausführten. Zudem wurden 128 mündliche Sachverständigengutachten vor bayerischen Gerichten hinsichtlich solcher Schläge und den resultierenden Verletzungsfolgen erhoben und deskriptiv ausgewertet. Ergebnisse Es konnten deutliche Unterschiede in der interindividuellen Definition des Begriffes „Ohrfeige“ aufgezeigt werden. Die biomechanischen Messungen zeigten eine große Schwankungsbreite in der Ausführung und Intensität von als Ohrfeigen deklarierten Schlägen. Diese reichten von leichten Berührungen des Schlagpolsters bis hin zu massiven Schlägen mit dem Risiko schwerer Verletzungen des Gesichtsschädels. Auch im Rahmen der ausgewerteten Gutachten reichte die Palette an Verletzungen von Bagatelltraumata bis hin zu Frakturen des Gesichtsschädels und anderen schwerwiegenden Verletzungen. Diskussion Die reine Angabe einer „Ohrfeige“ erlaubt noch keine Rückschlüsse auf zu erwartende Verletzungsmuster. Jeder Fall ist für sich zu bewerten und hinsichtlich der individuellen anthropometrischen Daten der beteiligten Personen und biomechanischen Parameter des ausgeführten Schlages zu beurteilen., Background The assessment and evaluation of injuries after violent crimes is a frequent task in the daily routine of forensic medicine. Often, however, there is a discrepancy between the documented injuries and the information about the violence. Thus, the accused of an offense often state that they "only" slapped the injured person in the face, although the latter shows partly severe injuries. The present work attempted to substantiate this discrepancy by evaluating court opinions and to work out the concrete legal issues. In addition, biomechanical measurements were used to objectify the intensity of slaps and blows with the flat hand. Methods The concrete questions were to be worked out in two ways. On the one hand, biomechanical measurements were performed on a total of 30 participants who executed blows with the flat hand against a force plate. In addition, 128 oral expert opinions before Bavarian courts regarding such blows and the resulting injury consequences were collected and descriptively evaluated. Results Significant differences in the individual definition of the term "slap" could be shown. The biomechanical measurements showed a wide variation in the execution and intensity of blows declared as slaps. These ranged from light touches of the punching pad to massive blows with the risk of severe injuries to the facial skull. Also, in the context of the expert reports evaluated, injuries ranged from minor trauma to fractures of the facial skull and other serious injuries. Discussion The mere statement of a "slap in the face" does not allow any conclusions to be drawn about expected injury patterns. Each case must be evaluated on its own merits with respect to the individual anthropometric data of the persons involved and biomechanical parameters of the blow delivered.
Not available
Hofer, Peter
2022
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Hofer, Peter (2022): Die Ohrfeige - qualitative und quantitative Analyse. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Abstract

Hintergrund Die Begutachtung und Beurteilung von Verletzungen nach Gewaltdelikten stellt eine häufige Tätigkeit im rechtsmedizinischen Alltag dar. Oftmals zeigt sich hierbei jedoch eine Diskrepanz zwischen den dokumentierten Verletzungen und den Angaben über die Art der Gewalteinwirkung. So äußern sich die Beschuldigten eines Delikts häufig dahingehend, einer geschädigten Person „lediglich“ eine Ohrfeige versetzt zu haben, obwohl diese teils schwere Verletzungen aufzeigt. Die vorliegende Arbeit versuchte, derartige Diskrepanzen anhand der Auswertung von Gerichtsgutachten zu analysieren und die konkreten juristischen Fragestellungen herauszuarbeiten. Zudem sollten anhand von biomechanischen Messungen die Intensität von Ohrfeigen und Schlägen mit der flachen Hand objektiviert und eine objektive Bewertungsgrundlage geschaffen werden. Methodik Die konkreten Fragestellungen sollten über zwei Wege bearbeitet werden. Einerseits erfolgten biomechanische Messungen von insgesamt 30 ProbandInnen, welche Schläge mit der flachen Hand gegen eine Kraftmessplatte ausführten. Zudem wurden 128 mündliche Sachverständigengutachten vor bayerischen Gerichten hinsichtlich solcher Schläge und den resultierenden Verletzungsfolgen erhoben und deskriptiv ausgewertet. Ergebnisse Es konnten deutliche Unterschiede in der interindividuellen Definition des Begriffes „Ohrfeige“ aufgezeigt werden. Die biomechanischen Messungen zeigten eine große Schwankungsbreite in der Ausführung und Intensität von als Ohrfeigen deklarierten Schlägen. Diese reichten von leichten Berührungen des Schlagpolsters bis hin zu massiven Schlägen mit dem Risiko schwerer Verletzungen des Gesichtsschädels. Auch im Rahmen der ausgewerteten Gutachten reichte die Palette an Verletzungen von Bagatelltraumata bis hin zu Frakturen des Gesichtsschädels und anderen schwerwiegenden Verletzungen. Diskussion Die reine Angabe einer „Ohrfeige“ erlaubt noch keine Rückschlüsse auf zu erwartende Verletzungsmuster. Jeder Fall ist für sich zu bewerten und hinsichtlich der individuellen anthropometrischen Daten der beteiligten Personen und biomechanischen Parameter des ausgeführten Schlages zu beurteilen.

Abstract

Background The assessment and evaluation of injuries after violent crimes is a frequent task in the daily routine of forensic medicine. Often, however, there is a discrepancy between the documented injuries and the information about the violence. Thus, the accused of an offense often state that they "only" slapped the injured person in the face, although the latter shows partly severe injuries. The present work attempted to substantiate this discrepancy by evaluating court opinions and to work out the concrete legal issues. In addition, biomechanical measurements were used to objectify the intensity of slaps and blows with the flat hand. Methods The concrete questions were to be worked out in two ways. On the one hand, biomechanical measurements were performed on a total of 30 participants who executed blows with the flat hand against a force plate. In addition, 128 oral expert opinions before Bavarian courts regarding such blows and the resulting injury consequences were collected and descriptively evaluated. Results Significant differences in the individual definition of the term "slap" could be shown. The biomechanical measurements showed a wide variation in the execution and intensity of blows declared as slaps. These ranged from light touches of the punching pad to massive blows with the risk of severe injuries to the facial skull. Also, in the context of the expert reports evaluated, injuries ranged from minor trauma to fractures of the facial skull and other serious injuries. Discussion The mere statement of a "slap in the face" does not allow any conclusions to be drawn about expected injury patterns. Each case must be evaluated on its own merits with respect to the individual anthropometric data of the persons involved and biomechanical parameters of the blow delivered.