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Der Einfluss von Komorbiditäten auf das Therapieergebnis von Patienten mit adjuvanter Strahlentherapie bei Kopf-Hals-Tumoren
Der Einfluss von Komorbiditäten auf das Therapieergebnis von Patienten mit adjuvanter Strahlentherapie bei Kopf-Hals-Tumoren
Hintergrund: Weltweit stellen Tumore der Kopf-Hals-Region (HNC) die sechsthäufigste Tumorerkrankung dar. Die wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung eines HNC sind Tabak- und Alkoholkonsum sowie zunehmend eine Infektion mit HPV. Neben HPV-Status gelten Tumorausbreitung und Lymphknotenmetastasen als wichtige Prognosefaktoren. Ein einheitliches onkologisches Assessment für Patienten mit HNC existiert bislang nicht. Der Einfluss patientenspezifischer Prognosefaktoren ist Gegenstand aktueller Forschung. Die vorliegende Studie wird retrospektiv ein onkologisches Assessment mittels dreier Komorbiditätsindizes durchführen: Der ASA-Klassifikation (American Society of Anesthesiologists), dem ECOG Performance Status (Eastern Cooperative Oncology Group) und dem ACE-27 Score (Adult Comorbidity Evaluation-27). Auf diese Weise soll die Auswirkung patientenspezifischer Faktoren auf Gesamtüberleben, krankheitsfreies Überleben, tumorspezifisches Überleben und Rezidivrate bei Patienten mit HNC untersucht werden. Ziel ist es, die Entwicklung eines praktikablen onkologischen Assessments zu unterstützen, welches eine optimale Patientenversorgung ermöglicht. Insbesondere die Kombination von signifikanten tumorspezifischen Parametern und patientenspezifischen Parametern wie Komorbiditäten könnte helfen, eine individualisierte Prognose abzugeben. Diese könnte bei der Entscheidung für eine spezifische Therapie, sowie bei der grundsätzlichen Entscheidung für einen kurativen versus palliativen Therapieansatz, dem hohen Anspruch einer am Patientenwohl orientierten Therapie gerecht werden. Durchführung: Für 302 Patienten mit HNC, die eine adjuvante Radiotherapie erhielten, wurden Tumor- und Patientencharakteristika sowie drei Komorbiditätsindizes (ACE-27, ASA, ECOG) in einer retrospektiven Studie erfasst. Untersucht wurde der Einfluss einzelner Variablen auf Gesamtüberleben, krankheitsfreies Überleben, tumorspezifisches Überleben und Rezidivrate. Statistische Auswertung der Daten in Bezug auf das Outcome erfolgten mittels Kaplan-Meier-Überlebenskurven, sowie in der univariaten und multivariaten Cox-Regressionsanalyse. Ergebnisse: Bis zum Ende des Beobachtungszeitraums verstarben 97 von 302 Patienten. Die 3-Jahres-Überlebensrate der Gesamtkohorte lag bei 70,5%, die Rezidivrate bei 20,8%. Trotz eines vermehrten Auftretens von Lymphknotenmetastasen zeigte die Subgruppe der Patienten mit HPV positivem Oropharynxkarzinom (HPVORO) eine geringere Rezidivrate von 6,2% und ein deutlich besseres Gesamtüberleben mit einer 3-Jahres-Überlebensrate von 88,6%. Trotz ähnlichem Lebensalter wiesen Patienten mit HPVORO ein deutlich geringeres Maß an Komorbidität auf, konsumierten weniger Tabak und litten seltener an einer Anämie. Dies berücksichtigt die Weiterentwicklung der TNM-Klassifikation in ihrer achten Version. Die hierin erstmals gesonderte Betrachtung der HPV positiven Oropharynxkarzinome als eigene Tumorentität ist in Anbetracht der deutlich besseren Prognose notwendig. Erste Überlegungen und Versuche einer Deeskalation der Therapie sollten weiter verfolgt werden. Ebenso das langfristige Ziel einer Modifikation der Behandlungsleitlinien. In der Gesamtkohorte zeigte sich insbesondere die krebsunabhängige Mortalität als ein maßgeblicher Faktor für das Gesamtüberleben. Von 97 verstorbenen Patienten starben 55 Patienten an krebsunabhängigen Erkrankungen. Die krebsunabhängige Mortalität (DUS) korrelierte stark mit dem Ausmaß der Komorbidität der Patienten. Die Erhebung zeigt, dass Tabakkonsum und Anämie mit einer erhöhten Komorbiditätsrate einhergehen. Tumorspezifische Endpunkte wie tumorspezifisches Überleben, Rezidivrate oder krankheitsfreies Überleben zeigten keinen Zusammenhang mit Komorbiditäten. Hier zeigten sich das Vorhandensein einer extrakapsulären Extension (ECE), der Lymphknotenstatus, das Vorhandensein eines HPV positiven Oropharynxkarzinoms und der Hb-Wert vor der ersten Bestrahlung als wichtige prädiktive Faktoren. In der vorliegenden Arbeit bestand bei 58% der Patienten eine Anämie vor Beginn der Bestrahlung. Eine Anämie führte bei den betroffenen Patienten zu einem reduzierten tumorspezifischen Überleben. Es zeigte sich ein negativer Einfluss auf den Therapieerfolg und die Wirksamkeit der veranschlagten Therapie. Der Hämoglobinwert sollte als objektiver, leicht zu ermittelnder Prognosefaktor Gegenstand weiterer Forschung sein. Darüber hinaus sollte sein Einfluss auf den onkologischen Therapieerfolg genauer untersucht werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit bestätigen des Weiteren die Hypothese, dass für eine optimale Patientenbehandlung die standardisierte Erfassung aller Komorbiditäten mittels Komorbiditätsassessment bereits vor Therapiebeginn erfolgen sollte. Es konnte gezeigt werden, dass ein standardisiertes Komorbiditätsassessment vor Therapiebeginn einen prädiktiven Wert besitzt und zu Prognosezwecken herangezogen werden kann. Hierfür erweist sich der ACE-27 Score im Vergleich zur ASA-Klassifikation und zum ECOG Performance Status als überlegen. Der ACE-27 Score ist ein objektiver, leicht zu ermittelnder Komorbiditätsindex, welcher sich in der vorliegenden Untersuchung als einziger der verwendeten Indizes im uni- als auch multivariaten Modell als signifikant für das Gesamtüberleben erwies. Er stellt eine objektive Erfassung relevanter Begleiterkrankungen dar, ist leicht zu evaluieren und an Hand von Krankenakten gut retrospektiv zu Forschungszwecken zu erheben. Zusätzlich kann durch die vorliegende Arbeit gezeigt werden, dass krebsunabhängige Mortalität und tumorspezifisches Überleben sinnvolle zusätzliche Endpunkte in der klinischen Forschung darstellen, gerade im Hinblick auf die Erforschung eines Zusatznutzens einer intensivierten Therapie., UNSPECIFIED
Kopf-Hals-Tumore, ACE-27
Thomsen, Nora Franziska
2021
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Thomsen, Nora Franziska (2021): Der Einfluss von Komorbiditäten auf das Therapieergebnis von Patienten mit adjuvanter Strahlentherapie bei Kopf-Hals-Tumoren. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Abstract

Hintergrund: Weltweit stellen Tumore der Kopf-Hals-Region (HNC) die sechsthäufigste Tumorerkrankung dar. Die wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung eines HNC sind Tabak- und Alkoholkonsum sowie zunehmend eine Infektion mit HPV. Neben HPV-Status gelten Tumorausbreitung und Lymphknotenmetastasen als wichtige Prognosefaktoren. Ein einheitliches onkologisches Assessment für Patienten mit HNC existiert bislang nicht. Der Einfluss patientenspezifischer Prognosefaktoren ist Gegenstand aktueller Forschung. Die vorliegende Studie wird retrospektiv ein onkologisches Assessment mittels dreier Komorbiditätsindizes durchführen: Der ASA-Klassifikation (American Society of Anesthesiologists), dem ECOG Performance Status (Eastern Cooperative Oncology Group) und dem ACE-27 Score (Adult Comorbidity Evaluation-27). Auf diese Weise soll die Auswirkung patientenspezifischer Faktoren auf Gesamtüberleben, krankheitsfreies Überleben, tumorspezifisches Überleben und Rezidivrate bei Patienten mit HNC untersucht werden. Ziel ist es, die Entwicklung eines praktikablen onkologischen Assessments zu unterstützen, welches eine optimale Patientenversorgung ermöglicht. Insbesondere die Kombination von signifikanten tumorspezifischen Parametern und patientenspezifischen Parametern wie Komorbiditäten könnte helfen, eine individualisierte Prognose abzugeben. Diese könnte bei der Entscheidung für eine spezifische Therapie, sowie bei der grundsätzlichen Entscheidung für einen kurativen versus palliativen Therapieansatz, dem hohen Anspruch einer am Patientenwohl orientierten Therapie gerecht werden. Durchführung: Für 302 Patienten mit HNC, die eine adjuvante Radiotherapie erhielten, wurden Tumor- und Patientencharakteristika sowie drei Komorbiditätsindizes (ACE-27, ASA, ECOG) in einer retrospektiven Studie erfasst. Untersucht wurde der Einfluss einzelner Variablen auf Gesamtüberleben, krankheitsfreies Überleben, tumorspezifisches Überleben und Rezidivrate. Statistische Auswertung der Daten in Bezug auf das Outcome erfolgten mittels Kaplan-Meier-Überlebenskurven, sowie in der univariaten und multivariaten Cox-Regressionsanalyse. Ergebnisse: Bis zum Ende des Beobachtungszeitraums verstarben 97 von 302 Patienten. Die 3-Jahres-Überlebensrate der Gesamtkohorte lag bei 70,5%, die Rezidivrate bei 20,8%. Trotz eines vermehrten Auftretens von Lymphknotenmetastasen zeigte die Subgruppe der Patienten mit HPV positivem Oropharynxkarzinom (HPVORO) eine geringere Rezidivrate von 6,2% und ein deutlich besseres Gesamtüberleben mit einer 3-Jahres-Überlebensrate von 88,6%. Trotz ähnlichem Lebensalter wiesen Patienten mit HPVORO ein deutlich geringeres Maß an Komorbidität auf, konsumierten weniger Tabak und litten seltener an einer Anämie. Dies berücksichtigt die Weiterentwicklung der TNM-Klassifikation in ihrer achten Version. Die hierin erstmals gesonderte Betrachtung der HPV positiven Oropharynxkarzinome als eigene Tumorentität ist in Anbetracht der deutlich besseren Prognose notwendig. Erste Überlegungen und Versuche einer Deeskalation der Therapie sollten weiter verfolgt werden. Ebenso das langfristige Ziel einer Modifikation der Behandlungsleitlinien. In der Gesamtkohorte zeigte sich insbesondere die krebsunabhängige Mortalität als ein maßgeblicher Faktor für das Gesamtüberleben. Von 97 verstorbenen Patienten starben 55 Patienten an krebsunabhängigen Erkrankungen. Die krebsunabhängige Mortalität (DUS) korrelierte stark mit dem Ausmaß der Komorbidität der Patienten. Die Erhebung zeigt, dass Tabakkonsum und Anämie mit einer erhöhten Komorbiditätsrate einhergehen. Tumorspezifische Endpunkte wie tumorspezifisches Überleben, Rezidivrate oder krankheitsfreies Überleben zeigten keinen Zusammenhang mit Komorbiditäten. Hier zeigten sich das Vorhandensein einer extrakapsulären Extension (ECE), der Lymphknotenstatus, das Vorhandensein eines HPV positiven Oropharynxkarzinoms und der Hb-Wert vor der ersten Bestrahlung als wichtige prädiktive Faktoren. In der vorliegenden Arbeit bestand bei 58% der Patienten eine Anämie vor Beginn der Bestrahlung. Eine Anämie führte bei den betroffenen Patienten zu einem reduzierten tumorspezifischen Überleben. Es zeigte sich ein negativer Einfluss auf den Therapieerfolg und die Wirksamkeit der veranschlagten Therapie. Der Hämoglobinwert sollte als objektiver, leicht zu ermittelnder Prognosefaktor Gegenstand weiterer Forschung sein. Darüber hinaus sollte sein Einfluss auf den onkologischen Therapieerfolg genauer untersucht werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit bestätigen des Weiteren die Hypothese, dass für eine optimale Patientenbehandlung die standardisierte Erfassung aller Komorbiditäten mittels Komorbiditätsassessment bereits vor Therapiebeginn erfolgen sollte. Es konnte gezeigt werden, dass ein standardisiertes Komorbiditätsassessment vor Therapiebeginn einen prädiktiven Wert besitzt und zu Prognosezwecken herangezogen werden kann. Hierfür erweist sich der ACE-27 Score im Vergleich zur ASA-Klassifikation und zum ECOG Performance Status als überlegen. Der ACE-27 Score ist ein objektiver, leicht zu ermittelnder Komorbiditätsindex, welcher sich in der vorliegenden Untersuchung als einziger der verwendeten Indizes im uni- als auch multivariaten Modell als signifikant für das Gesamtüberleben erwies. Er stellt eine objektive Erfassung relevanter Begleiterkrankungen dar, ist leicht zu evaluieren und an Hand von Krankenakten gut retrospektiv zu Forschungszwecken zu erheben. Zusätzlich kann durch die vorliegende Arbeit gezeigt werden, dass krebsunabhängige Mortalität und tumorspezifisches Überleben sinnvolle zusätzliche Endpunkte in der klinischen Forschung darstellen, gerade im Hinblick auf die Erforschung eines Zusatznutzens einer intensivierten Therapie.

Abstract