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Qualitätssicherungsmethoden für die Verletzungskodierung mit der Abbreviated Injury Scale (AIS©) 2005 update 2008
Qualitätssicherungsmethoden für die Verletzungskodierung mit der Abbreviated Injury Scale (AIS©) 2005 update 2008
Um die Verletzungen der Straßenverkehrsunfallopfer einheitlich und standardisiert zu erfassen, wird in der Abteilung Biomechanik und Unfallforschung des Instituts für Rechtsmedizin die AIS 2005 update 2008 verwendet. Die Genauigkeit der Datengrundlage, sowie die Einhaltung der Kodierrichtlinien sind wesentlich für die Kodierqualität und internationale Vergleichbarkeit. Das bisherige Kodieren der gesamten ausführlichen Obduktionsberichte nach AIS erfordert ein hohes Maß an internen Schulungen und ist sehr zeitaufwendig. Es stellt sich die Frage, wenn man als Datenbasis nur die Zusammenfassung des Obduktionsberichte verwendet, ob für manche Fragen der Unfallforschung eine ausreichende Genauigkeit erreicht werden kann. Des Weiteren wurde untersucht, wie genau die Kodierung der gesamten Obduktionsberichte ist. Hierfür wurde ein AIS-Detaillierungsgrad-Indikator (AIS-DI) als Buchstabencode entwickelt, der darstellt wie spezifisch eine Verletzung kodiert ist. Jedem AIS-Code aus dem AIS-Codebuch wird nach festen Regeln ein fixer AIS-DI zugewiesen. Es werden Buchstaben von A bis N vergeben, wobei AIS-Codes, die einen AIS-DI von A zugewiesen bekommen haben, eine Verletzung am spezifischsten beschreiben. Die vollständigen Obduktionsberichte und deren Zusammenfassungen von 149 polytraumatisierten Straßenverkehrsunfallopfern aus dem Jahr 2004, die im Institut für Rechtsmedizin obduziert wurden, wurden jeweils nach AIS2005 update 2008 unabhängig voneinander kodiert und miteinander verglichen. Die Kodierung der gesamten Obduktionsberichte wird als Referenz verwendet (Goldstandard). Als akzeptable Genauigkeit wird hier definiert, wenn mit diesem Vorgehen für über 95% der Fälle der richtige MAIS (maximaler AIS-Wert), ISS (Injury Severity Score) und die Körperregion, in der der MAIS auftrat, aus den Zusammenfassungen ermittelt werden könnten. Des Weiteren wurden allen kodierten Verletzungen der gesamten Obduktionsberichte der neue AIS-Detaillierungsgrad-Indikator zugeordnet und ausgewertet, warum einzelne Verletzungen nur einen ungenauen AIS-Code kodiert bekommen haben. Der Vergleich der Kodierung der Zusammenfassungen und der Kodierung der gesamten Obduktionsberichte zeigt, dass die MAIS aus den Daten der Zusammenfassungen nur in ungefähr 61% der Fälle identisch mit den MAIS aus den Auswertungen der Gesamtobduktionsberichte sind. Die Identifikation der am schwerstverletzten Körperregion in der Zusammenfassung gelingt zu 59%. Der ISS ist in 43% der Fälle identisch. Die Fälle, die durch Kodierung des vollständigen Obduktionsberichts einen ISS von 75 erreichen, bekommen nur in 84% auch ein ISS von 75 durch Kodierung der Zusammenfassung. Beim Kodieren der gesamten Obduktionsberichte bei den zugrundeliegenden 149 Fällen werden 4.940 Verletzungen erfasst. Hierbei bekommen 3.760 Verletzungen einen AIS Code, der eine Verletzung maximal spezifisch/genau beschreibt, das entspricht einem Anteil von 76%. Die Auswertung des Detailgrads aus den vollständigen Obduktionsberichten zeigt, dass es in den untersuchten Kapiteln Kopf, Wirbelsäule und Thorax (n=1862 AIS Codes) vier Hauptgründe gibt, weshalb einer Verletzung kein AIS-Code mit dem AIS-DI Level A zugewiesen wurde. In 6% der Fälle hat der Kodierer gegebene Informationen nicht beachtet und daher eine allgemeinere Verletzungskodierung gewählt. Ebenso zeigt sich in 7% der Kodierungen, dass Verletzungen zum Teil durch den Obduzenten ungenau beschrieben werden und Angaben fehlen, die es ermöglichen, einer Verletzung einen spezifischeren Code zu geben. 8% der Verletzungen kann nicht genauer kodiert werden, da die AIS für eine genauere Beschreibung klinische Angaben fordert, die mittels Obduktion nicht ermittelt werden können, so dass auf eine allgemeinere Verletzungsbeschreibung zurückgegriffen werden muss. In 12% liegt der Grund für einen unspezifischen AIS Code darin, dass von mehreren spezifischen Verletzungsausprägungen nur wenige einen eigenen AIS Code erhalten, die anderen im allgemeineren Code subsumiert werden. Insgesamt zeigt sich, dass die Zusammenfassungen der Obduktionsberichte in vielen Bereichen nicht hinreichend genau für die Kodierung nach AIS© sind. So sind vor allem leichte Verletzungen unterrepräsentiert, aber auch bei schwereren Verletzungen kommt es sowohl zu Unter- als auch zu Überschätzungen der Verletzungsschwere. Die Diskrepanzen beim ISS verdeutlichen, dass sowohl die Maximalverletzten, als auch insbesondere die weniger schwer Verletzten, nicht als solche erkannt werden können. So eignet sich die Kodierung der Zusammenfassung maximal zur groben Orientierung der zum Tode führenden Verletzungen bzw. der betroffenen Körperregion. Die alleinige Zeitersparnis beim Kodieren der Zusammenfassung kann das ungenaue Kodierergebnis nicht rechtfertigen. Unter Einhaltung der Kodierungsregeln könnte der AIS-Detailindikator verwendet werden, um den Detaillierungsgrad der zugrunde liegenden Datenbasis verschiedener Verletzungs-dokumentationssysteme unter Verwendung von AIS zu vergleichen. Wir hoffen, durch den Einsatz von AIS-DI unsere Kodierung zu verbessern und dem forensischen Pathologen AIS-spezifische Anforderungen in der Dokumentation gezielter zu übermitteln.
Abbreviated Injury Scale, Polytrauma, Verletzungskodierung, Obduktionsbericht, Verkehrsunfallopfer
Humrich, Anton
2021
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Humrich, Anton (2021): Qualitätssicherungsmethoden für die Verletzungskodierung mit der Abbreviated Injury Scale (AIS©) 2005 update 2008. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Abstract

Um die Verletzungen der Straßenverkehrsunfallopfer einheitlich und standardisiert zu erfassen, wird in der Abteilung Biomechanik und Unfallforschung des Instituts für Rechtsmedizin die AIS 2005 update 2008 verwendet. Die Genauigkeit der Datengrundlage, sowie die Einhaltung der Kodierrichtlinien sind wesentlich für die Kodierqualität und internationale Vergleichbarkeit. Das bisherige Kodieren der gesamten ausführlichen Obduktionsberichte nach AIS erfordert ein hohes Maß an internen Schulungen und ist sehr zeitaufwendig. Es stellt sich die Frage, wenn man als Datenbasis nur die Zusammenfassung des Obduktionsberichte verwendet, ob für manche Fragen der Unfallforschung eine ausreichende Genauigkeit erreicht werden kann. Des Weiteren wurde untersucht, wie genau die Kodierung der gesamten Obduktionsberichte ist. Hierfür wurde ein AIS-Detaillierungsgrad-Indikator (AIS-DI) als Buchstabencode entwickelt, der darstellt wie spezifisch eine Verletzung kodiert ist. Jedem AIS-Code aus dem AIS-Codebuch wird nach festen Regeln ein fixer AIS-DI zugewiesen. Es werden Buchstaben von A bis N vergeben, wobei AIS-Codes, die einen AIS-DI von A zugewiesen bekommen haben, eine Verletzung am spezifischsten beschreiben. Die vollständigen Obduktionsberichte und deren Zusammenfassungen von 149 polytraumatisierten Straßenverkehrsunfallopfern aus dem Jahr 2004, die im Institut für Rechtsmedizin obduziert wurden, wurden jeweils nach AIS2005 update 2008 unabhängig voneinander kodiert und miteinander verglichen. Die Kodierung der gesamten Obduktionsberichte wird als Referenz verwendet (Goldstandard). Als akzeptable Genauigkeit wird hier definiert, wenn mit diesem Vorgehen für über 95% der Fälle der richtige MAIS (maximaler AIS-Wert), ISS (Injury Severity Score) und die Körperregion, in der der MAIS auftrat, aus den Zusammenfassungen ermittelt werden könnten. Des Weiteren wurden allen kodierten Verletzungen der gesamten Obduktionsberichte der neue AIS-Detaillierungsgrad-Indikator zugeordnet und ausgewertet, warum einzelne Verletzungen nur einen ungenauen AIS-Code kodiert bekommen haben. Der Vergleich der Kodierung der Zusammenfassungen und der Kodierung der gesamten Obduktionsberichte zeigt, dass die MAIS aus den Daten der Zusammenfassungen nur in ungefähr 61% der Fälle identisch mit den MAIS aus den Auswertungen der Gesamtobduktionsberichte sind. Die Identifikation der am schwerstverletzten Körperregion in der Zusammenfassung gelingt zu 59%. Der ISS ist in 43% der Fälle identisch. Die Fälle, die durch Kodierung des vollständigen Obduktionsberichts einen ISS von 75 erreichen, bekommen nur in 84% auch ein ISS von 75 durch Kodierung der Zusammenfassung. Beim Kodieren der gesamten Obduktionsberichte bei den zugrundeliegenden 149 Fällen werden 4.940 Verletzungen erfasst. Hierbei bekommen 3.760 Verletzungen einen AIS Code, der eine Verletzung maximal spezifisch/genau beschreibt, das entspricht einem Anteil von 76%. Die Auswertung des Detailgrads aus den vollständigen Obduktionsberichten zeigt, dass es in den untersuchten Kapiteln Kopf, Wirbelsäule und Thorax (n=1862 AIS Codes) vier Hauptgründe gibt, weshalb einer Verletzung kein AIS-Code mit dem AIS-DI Level A zugewiesen wurde. In 6% der Fälle hat der Kodierer gegebene Informationen nicht beachtet und daher eine allgemeinere Verletzungskodierung gewählt. Ebenso zeigt sich in 7% der Kodierungen, dass Verletzungen zum Teil durch den Obduzenten ungenau beschrieben werden und Angaben fehlen, die es ermöglichen, einer Verletzung einen spezifischeren Code zu geben. 8% der Verletzungen kann nicht genauer kodiert werden, da die AIS für eine genauere Beschreibung klinische Angaben fordert, die mittels Obduktion nicht ermittelt werden können, so dass auf eine allgemeinere Verletzungsbeschreibung zurückgegriffen werden muss. In 12% liegt der Grund für einen unspezifischen AIS Code darin, dass von mehreren spezifischen Verletzungsausprägungen nur wenige einen eigenen AIS Code erhalten, die anderen im allgemeineren Code subsumiert werden. Insgesamt zeigt sich, dass die Zusammenfassungen der Obduktionsberichte in vielen Bereichen nicht hinreichend genau für die Kodierung nach AIS© sind. So sind vor allem leichte Verletzungen unterrepräsentiert, aber auch bei schwereren Verletzungen kommt es sowohl zu Unter- als auch zu Überschätzungen der Verletzungsschwere. Die Diskrepanzen beim ISS verdeutlichen, dass sowohl die Maximalverletzten, als auch insbesondere die weniger schwer Verletzten, nicht als solche erkannt werden können. So eignet sich die Kodierung der Zusammenfassung maximal zur groben Orientierung der zum Tode führenden Verletzungen bzw. der betroffenen Körperregion. Die alleinige Zeitersparnis beim Kodieren der Zusammenfassung kann das ungenaue Kodierergebnis nicht rechtfertigen. Unter Einhaltung der Kodierungsregeln könnte der AIS-Detailindikator verwendet werden, um den Detaillierungsgrad der zugrunde liegenden Datenbasis verschiedener Verletzungs-dokumentationssysteme unter Verwendung von AIS zu vergleichen. Wir hoffen, durch den Einsatz von AIS-DI unsere Kodierung zu verbessern und dem forensischen Pathologen AIS-spezifische Anforderungen in der Dokumentation gezielter zu übermitteln.