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Lässt sich flächendeckend eine Laienreanimation innerhalb des kritischen Zeitfensters von vier Minuten etablieren?. eine Untersuchung anhand der Auswertung der Echtdaten zum Klickalgorithmus T-CPR der Rettungsleitstellen Bayerns
Lässt sich flächendeckend eine Laienreanimation innerhalb des kritischen Zeitfensters von vier Minuten etablieren?. eine Untersuchung anhand der Auswertung der Echtdaten zum Klickalgorithmus T-CPR der Rettungsleitstellen Bayerns
Durch viele verschiedene Vorerkrankungen und Ereignisse kommt es zum gemeinsamen Endpunkt des Herzkreislaufstillstandes, welcher in der westlichen Welt die häufigste Todesursache darstellt und gehäuft im häuslichen Umfeld bzw. außerhalb medizinischer Einrichtungen eintritt. Um fehlendem Wissen über Wiederbelebungsmaßnahmen und der Angst vor der Durchführung vorzugreifen, wurden in vielen Ländern Programme zur telefonisch angeleiteten cardiopulmonalen Reanimation (T-CPR) eingeführt, wie es auch spätestens seit den aktuellen ERC-Guidelines 2015 empfohlen wird. Bereits seit 2013 ist in Bayern der Klickalgorithmus T-CPR Bayern im Einsatz, welcher ein Programm darstellt, das den Leitstellendisponenten standardisiert durch sämtliche Schritte der T-CPR Anleitung führt und gleichzeitig Zeitstempel zu jedem Ereignis sammelt, was eine wissenschaftliche Auswertung und Qualitätssicherung er-möglicht. Diese Doktorarbeit untersucht anhand der Zeitstempel unter anderem die kritischen Zeiten der Dauer der Atemkontrolle, der ersten Thoraxkompression und der Zeit der durchgeführten Laienreanimation bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. Eine Auswertung der durchklickten Folienreihenfolge soll häufige Sprünge im Verlauf sowie die Nutzung von Quereinstiegen sichtbar machen, um die Reihenfolge neu anzupassen. Schließlich ermöglicht die Analyse der Fragen an den Disponenten am Ende der Algorithmusanwendung die Erstellung von Korrelationen zwischen Antworten und Zeitintervallen sowie die Optimierung des Algorithmus an-hand kritischer Kommentare der anwendenden Disponenten. Ausgewertet wurden 326 Einsatzdatensätze aus dem Zeitraum Juni 2015 bis August 2015 aus acht bayerischen Rettungsdienstbereichen, welche den Klickalgorithmus verwendeten. Herausgefiltert wurden Datensätze, welche nicht anhand einsatzspezifischer Merkmale wie Einsatz-, Patienten-, oder Fahrzeugnummer verknüpft werden konnten, Datensätze mit bereits professionell durchgeführter CPR sowie Kinderreanimationen, welche frei angeleitet wurden, da sie im Algorithmus nicht installiert waren. 135 Einsatzdatensätze mit durchgeführter T-CPR konnten für die Kernauswertung verwendet werden; Einsatzdatensätze bei denen zwar der Algorithmus geöffnet, allerdings nicht bis zur Thoraxkompression durchgeführt wurde, wurden von der Kernauswertung ausgeschlossen. Je nach Fragestellung wurde zum Vergleich das Gesamtkollektiv der Einsatzdatensätze ohne T-CPR (150 Fälle) oder die Teilgruppe derer mit nicht reanimationspflichtigen Patienten (45 Fälle) herangezogen. Die Dauer der Atemkontrolle ergab einen Median von 00:59 Minuten (00:01 – 03:59), der Zeitpunkt der ersten Thoraxkompression 03:26 Minuten (00:12 – 14:36) und die Zeit von der ersten Thoraxkompression bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes 04:48 Minuten (00:01 – 45:52). Die Dauer der Atemkontrolle war bei den nicht reanimationspflichtigen Patienten nicht signifikant kürzer. Weiterhin führten höhere Einsatzzahlen im Vergleich der einzelnen Rettungsdienstbereiche nicht zu einem signifikanten Unterschied in Bezug auf die Dauer der Atemkontrolle oder den Zeitpunkt der ersten Thoraxkompression. Durch die in einer Heatmap visualisierte Folienreihenfolge zeigte sich eine weitestgehende Einhaltung der angedachten Folienreihenfolge. In einem Drittel der Fälle wurden die eingebauten Quereinstiege z.B. zum Beginn der CPR genutzt; Rücksprünge gab es vor allem im Abschnitt zur Klärung des Eigenschutzes und zur Anleitung der Atemkontrolle. Im Abschnitt der Fragenanalyse wurden die Teilbereiche Setting vor Ort, Kommunikation mit dem Ersthelfer und Anwenderfreundlichkeit des Algorithmus untersucht. Einzig im ersten Teilbereich ergab sich ein signifikanter Unterschied zur Vergleichsgruppe der nicht reanimationspflichtigen Patienten, da hier deutlich weniger Anrufer selbst am Patienten waren, was die Maßnahmen entsprechend erschwerte. Die Kommunikation mit dem Ersthelfer wurde im Durchschnitt positiv bewertet. Eine Korrelation zwischen Kommunikationsproblemen und zeitlichen Verzögerungen konnte in Bezug auf die Dauer der Atemkontrolle nachgewiesen werden; für den Beginn der ersten Thoraxkompression musste diese Hypothese abgelehnt werden. In über 75% der Fälle wurde weiterhin die Anwenderfreundlichkeit als positiv bewertet. Kritisiert wurde vereinzelt die Länge der vorzulesenden Texte im Algorithmus. Bezogen auf die anwendenden Disponenten sollte ein Kurssystem zum regelmäßigen Training bzw. für Nachbesprechungen etabliert werden, welches auch der Qualitätssicherung dienen würde. Verbesserungsvorschläge im Algorithmus bestehen in den Abschnitten der Einleitung zur T-CPR, der Atemkontrolle sowie der Anleitung der CPR selbst; hier empfehlen sich vor allem Kürzungen und vereinfachte Anweisungen in den vorzulesenden Texten, was einen zeitlichen Benefit erbringen könnte, ohne die Qualität des Algorithmus oder der CPR zu schmälern. Wie auch in den letzten CPR-Guidelines 2015 festgehalten, sollte jedoch ein Hauptpunkt beim Thema Laienreanimation das Training selbst bleiben und werden; empfohlen wird eine breitere Aufklärung und Ausbildung in der Bevölkerung, auch schon in jungen Jahren z.B. ab der siebten Klasse, was teilweise auch schon umgesetzt wird. Nichts destotrotz wird es nie eine 100%ige Ausbildung der Gesamtbevölkerung geben, weshalb die T-CPR nachgewiese-nermaßen schon jetzt für häufigere Laienreanimationen sorgt und ein besseres outcome nach Reanimationssituationen außerhalb medizinischer Einrichtungen erzielt.
Telefonreanimation, T-CPR, bystander CPR, CPR
Gonschor, Bernhard
2020
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Gonschor, Bernhard (2020): Lässt sich flächendeckend eine Laienreanimation innerhalb des kritischen Zeitfensters von vier Minuten etablieren?: eine Untersuchung anhand der Auswertung der Echtdaten zum Klickalgorithmus T-CPR der Rettungsleitstellen Bayerns. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Abstract

Durch viele verschiedene Vorerkrankungen und Ereignisse kommt es zum gemeinsamen Endpunkt des Herzkreislaufstillstandes, welcher in der westlichen Welt die häufigste Todesursache darstellt und gehäuft im häuslichen Umfeld bzw. außerhalb medizinischer Einrichtungen eintritt. Um fehlendem Wissen über Wiederbelebungsmaßnahmen und der Angst vor der Durchführung vorzugreifen, wurden in vielen Ländern Programme zur telefonisch angeleiteten cardiopulmonalen Reanimation (T-CPR) eingeführt, wie es auch spätestens seit den aktuellen ERC-Guidelines 2015 empfohlen wird. Bereits seit 2013 ist in Bayern der Klickalgorithmus T-CPR Bayern im Einsatz, welcher ein Programm darstellt, das den Leitstellendisponenten standardisiert durch sämtliche Schritte der T-CPR Anleitung führt und gleichzeitig Zeitstempel zu jedem Ereignis sammelt, was eine wissenschaftliche Auswertung und Qualitätssicherung er-möglicht. Diese Doktorarbeit untersucht anhand der Zeitstempel unter anderem die kritischen Zeiten der Dauer der Atemkontrolle, der ersten Thoraxkompression und der Zeit der durchgeführten Laienreanimation bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. Eine Auswertung der durchklickten Folienreihenfolge soll häufige Sprünge im Verlauf sowie die Nutzung von Quereinstiegen sichtbar machen, um die Reihenfolge neu anzupassen. Schließlich ermöglicht die Analyse der Fragen an den Disponenten am Ende der Algorithmusanwendung die Erstellung von Korrelationen zwischen Antworten und Zeitintervallen sowie die Optimierung des Algorithmus an-hand kritischer Kommentare der anwendenden Disponenten. Ausgewertet wurden 326 Einsatzdatensätze aus dem Zeitraum Juni 2015 bis August 2015 aus acht bayerischen Rettungsdienstbereichen, welche den Klickalgorithmus verwendeten. Herausgefiltert wurden Datensätze, welche nicht anhand einsatzspezifischer Merkmale wie Einsatz-, Patienten-, oder Fahrzeugnummer verknüpft werden konnten, Datensätze mit bereits professionell durchgeführter CPR sowie Kinderreanimationen, welche frei angeleitet wurden, da sie im Algorithmus nicht installiert waren. 135 Einsatzdatensätze mit durchgeführter T-CPR konnten für die Kernauswertung verwendet werden; Einsatzdatensätze bei denen zwar der Algorithmus geöffnet, allerdings nicht bis zur Thoraxkompression durchgeführt wurde, wurden von der Kernauswertung ausgeschlossen. Je nach Fragestellung wurde zum Vergleich das Gesamtkollektiv der Einsatzdatensätze ohne T-CPR (150 Fälle) oder die Teilgruppe derer mit nicht reanimationspflichtigen Patienten (45 Fälle) herangezogen. Die Dauer der Atemkontrolle ergab einen Median von 00:59 Minuten (00:01 – 03:59), der Zeitpunkt der ersten Thoraxkompression 03:26 Minuten (00:12 – 14:36) und die Zeit von der ersten Thoraxkompression bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes 04:48 Minuten (00:01 – 45:52). Die Dauer der Atemkontrolle war bei den nicht reanimationspflichtigen Patienten nicht signifikant kürzer. Weiterhin führten höhere Einsatzzahlen im Vergleich der einzelnen Rettungsdienstbereiche nicht zu einem signifikanten Unterschied in Bezug auf die Dauer der Atemkontrolle oder den Zeitpunkt der ersten Thoraxkompression. Durch die in einer Heatmap visualisierte Folienreihenfolge zeigte sich eine weitestgehende Einhaltung der angedachten Folienreihenfolge. In einem Drittel der Fälle wurden die eingebauten Quereinstiege z.B. zum Beginn der CPR genutzt; Rücksprünge gab es vor allem im Abschnitt zur Klärung des Eigenschutzes und zur Anleitung der Atemkontrolle. Im Abschnitt der Fragenanalyse wurden die Teilbereiche Setting vor Ort, Kommunikation mit dem Ersthelfer und Anwenderfreundlichkeit des Algorithmus untersucht. Einzig im ersten Teilbereich ergab sich ein signifikanter Unterschied zur Vergleichsgruppe der nicht reanimationspflichtigen Patienten, da hier deutlich weniger Anrufer selbst am Patienten waren, was die Maßnahmen entsprechend erschwerte. Die Kommunikation mit dem Ersthelfer wurde im Durchschnitt positiv bewertet. Eine Korrelation zwischen Kommunikationsproblemen und zeitlichen Verzögerungen konnte in Bezug auf die Dauer der Atemkontrolle nachgewiesen werden; für den Beginn der ersten Thoraxkompression musste diese Hypothese abgelehnt werden. In über 75% der Fälle wurde weiterhin die Anwenderfreundlichkeit als positiv bewertet. Kritisiert wurde vereinzelt die Länge der vorzulesenden Texte im Algorithmus. Bezogen auf die anwendenden Disponenten sollte ein Kurssystem zum regelmäßigen Training bzw. für Nachbesprechungen etabliert werden, welches auch der Qualitätssicherung dienen würde. Verbesserungsvorschläge im Algorithmus bestehen in den Abschnitten der Einleitung zur T-CPR, der Atemkontrolle sowie der Anleitung der CPR selbst; hier empfehlen sich vor allem Kürzungen und vereinfachte Anweisungen in den vorzulesenden Texten, was einen zeitlichen Benefit erbringen könnte, ohne die Qualität des Algorithmus oder der CPR zu schmälern. Wie auch in den letzten CPR-Guidelines 2015 festgehalten, sollte jedoch ein Hauptpunkt beim Thema Laienreanimation das Training selbst bleiben und werden; empfohlen wird eine breitere Aufklärung und Ausbildung in der Bevölkerung, auch schon in jungen Jahren z.B. ab der siebten Klasse, was teilweise auch schon umgesetzt wird. Nichts destotrotz wird es nie eine 100%ige Ausbildung der Gesamtbevölkerung geben, weshalb die T-CPR nachgewiese-nermaßen schon jetzt für häufigere Laienreanimationen sorgt und ein besseres outcome nach Reanimationssituationen außerhalb medizinischer Einrichtungen erzielt.