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Tabakkonsum unter Pflegeschülerinnen und Pflegeschülern. eine Untersuchung der Sozialisations- und Selektionsfaktoren bei der Pflegeausbildung und deren Wirkung auf das Präventions- und Interventionsprogramm astra
Tabakkonsum unter Pflegeschülerinnen und Pflegeschülern. eine Untersuchung der Sozialisations- und Selektionsfaktoren bei der Pflegeausbildung und deren Wirkung auf das Präventions- und Interventionsprogramm astra
Einleitung: Obwohl in der Gesellschaft ein deutlicher Rückgang bei den Tabakprävalenzen zu verzeichnen ist, scheinen sich die hohen Prävalenzen in der Pflege (30-40%) zu manifestieren. Begründet werden diese Zahlen vielmals mit der beruflichen Sozialisation und den vorherrschenden Normen. Besonders häufig fallen im Zusammenhang mit dem Gesundheitsverhalten der PflegerInnen, insbesondere hinsichtlich des Rauchverhaltens, Schlagwörter wie der Fachkräftemangel, der Dauerstress oder der Pflegekollaps. Andere Studien zum Tabakkonsum unter den Pflegeschülern/PflegeschülerInnen belegen jedoch bereits eine Prävalenz von ca. 50%, welche deutlich über der Prävalenz dieser Altersgruppe (ca. 30%) liegt. Diese Studien kritisieren auch die Situation in der Praxis, ermahnen jedoch, dass die Tabakprävention und –reduktion bereits zu einem früheren Zeitpunkt, während der Schulzeit, ansetzen müsste. Die vorliegende Arbeit untersucht neben der beruflichen Situation auch mögliche Selektionsfaktoren bei der Berufswahl als Ursache für die Tabakprävalenzen und darüber hinaus den Einfluss personenbezogener Merkmale auf die Änderungsmotivation hinsichtlich des eigenen Gesundheitsverhaltens. Hauptteil: Als theoretische Basis der Überlegungen zur Sozialisation dienen die ökologische Entwicklungspsychologie von Bronfenbrenner sowie die Theorie des sozialen Lernens von Bandura. Beide Theorien gehen von einem starken Austausch zwischen dem Individuum und seiner Umwelt aus. Gerade in der Präventionsforschung besitzt Bronfenbrenner mit der Betrachtung der unterschiedlichen Umwelten einen hohen Stellenwert, wohingegen Bandura im Bereich des Lebenskompetenztrainings durch die hohe Bedeutung der Selbstwirksamkeit zentral ist. Im Rahmen der theoretischen Auseinandersetzung mit der Sozialisation werden auch die Bedeutung der sozialen Normen sowie der arbeitsplatzbezogenen Stressoren beleuchtet. Die Überlegungen zu möglichen Selektionsfaktoren in der Pflege begründen sich auf das Fünf-Faktoren-Modell (Big Five) und dem daraus entwickelten Persönlichkeitstypen nach Torgensen. Es werden dabei Belege angeführt, dass die Persönlichkeit einen Einfluss auf die Berufswahl, das Gesundheitsverhalten sowie die Änderungsbereitschaft besitzt. Weiter manifestiert werden diese Ergebnisse durch das Berufswahlmodell von Holland sowie Theorien der Gesundheitspsychologie, u.a. dem transaktionalen Stressmodell von Lazarus und Folkmann oder dem Transtheoretischen Modell der Verhaltensänderung von Prochaska und DiClemente. Da diese Arbeit im Rahmen der Interventionsstudie „astra“ zur Tabakprävention und –intervention für Auszubildende in der Pflege verfasst wurde, sollen auch die Veränderungen durch das Projekt zum einen auf der Ebene der Verhältnisse und zum anderen auf der Ebene des individuellen Verhaltens untersucht werden. Hierfür erfolgt ein kurzer Abriss des Sechs-Phasen-Modells für suchtpräventive Tätigkeiten von Springer und Uhl, der Klassifizierung von Sucht sowie eine Vorstellung der Module und der Umsetzung des astra-Projekts. Insgesamt ergeben sich aus den Überlegungen zu den Sozialisations- und Selektionsfaktoren in der Pflegeausbildung fünf Fragestellungen: 1) Sind die Sozialisationsbedingungen in der Pflege tabakfreundlich? 2) Unterscheiden sich die Veränderungsprozesse zwischen den Interventionsschulen und Kontrollschulen bei astra? 3) Unterscheiden sich die PflegeschülerInnen hinsichtlich ihrer Persönlichkeit von der deutschen Wohnbevölkerung? 4) Zeigen sich signifikante Unterschiede im Gesundheitsverhalten im Hinblick auf die Persönlichkeitsausprägungen? 5) Ist die Veränderungsbereitschaft der PflegeschülerInnen abhängig von den Persönlichkeits¬ausprägungen? Methode: Die Studie wurde in einem nicht randomisierten Wartelisten-Kontrollgruppen-Design durchgeführt. Insgesamt konnten zwölf Pflegeschulen und insgesamt 508 PflegeschülerInnen befragt werden. Zur abschließenden Befragung am Projektende konnten die Daten von insgesamt 235 Schülern/ Schülerinnen gewonnen werden, was einer Haltequote von 46% entspricht. Ergebnisse: Hinsichtlich der ersten Fragestellung: Sind die Sozialisationsbedingungen in der Pflege tabakfreundlich? zeigt die Betrachtung der Tabakpolitik anhand der Schulleiterbögen Hinweise auf eine tabakfreundliche Politik auf. Allerdings fehlen hier aufgrund der Stichprobengröße interferenzstatistische Analysen, um diese Ergebnisse zu bestätigen. Auf der Ebene der SchülerInnen konnten tabakfreundliche Sozialisationsbedingungen hinsichtlich der subjektiven Norm, sozialen Norm und den Einstellungen gegenüber verhaltensbezogener Maßnahmen bestätigt werden. Bei der zweiten Frage: Unterscheiden sich die Veränderungsprozesse zwischen den Interventionsschulen und Kontrollschulen bei astra? konnten auf der Schulleiterebene positive Veränderungen bei den Interventionsschulen wahrgenommen werden. Allerdings fehlen auch hier aufgrund der Stichprobengröße interferenzstatistische Verfahren. Auf der Ebene der SchülerInnen konnten signifikante positive Entwicklungen in den Interventionsschulen bzw. signifikante negative Entwicklungen in den Kontrollschulen bei den Variablen subjektive Norm und soziale Unterstützung nachgewiesen werden. Die dritte Fragestellung setzte sich mit der Frage auseinander, ob sich die PflegeschülerInnen hinsichtlich ihrer Persönlichkeit von der deutschen Wohnbevölkerung unterscheiden? Die Überprüfung der Big Five zeigte signifikante Unterschiede sowohl bei der allgemeinen Betrachtung als auch nach Alter und Geschlecht differenziert. Darüber hinaus ergab auch die explorative Analyse der Persönlichkeitstypen signifikante Unterschiede zwischen den Pflegeschülern/Pflegeschülerinnen und der deutschen Wohnbevölkerung. Die Ergebnisse zeigen, dass es sich bei den PflegeschülerInnen, um eine Gruppe handelt, die besonders sensibel ist und entsprechend feinfühlig mit dem sozialen Umfeld interagiert. Die vierte Frage beschäftigte sich mit der Analyse, ob sich signifikante Unterschiede im Gesundheitsverhalten im Hinblick auf die Persönlichkeitsausprägungen zeigen? Dabei konnten bei den Big Five signifikante Zusammenhänge mit der Stresswahrnehmung, dem Rauchverhalten und der Widerstandsgewissheit (einer angebotenen Zigarette) nachgewiesen werden. Hinsichtlich der Persönlichkeitstypen konnten diese signifikanten Ergebnisse nur bei der Stresswahnehmung und der Widerstandsgewissheit bestätigt werden. Die letzte Frage lautete: Ist die Veränderungsbereitschaft der PflegeschülerInnen abhängig von den Persönlichkeits¬ausprägungen? Dabei wurden nur die InterventionsschülerInnen berücksichtigt, die an beiden Befragungen teilgenommen hatten (N=115). Auf der Ebene der Big Five konnten dabei keine Zusammenhänge gefunden werden. Bei den Persönlichkeitstypen konnte beim Entrepreneur Type ein leicht positiver Trend hinsichtlich der sozialen Unterstützung gemessen werden, der sich signifikant von der leicht negativen Entwicklung des Spectator Type unterscheidet. Diskussion: Diese Studie gibt Hinweise darauf, dass die Tabakpolitik in den Pflegeschulen tabakfreundlicher ist, als in den Regelschulen und auch entsprechend von der Schülerschaft wahrgenommen wird. Gleichzeitig zeigen die hohen Prävalenzen bereits zu Beginn der Pflegeausbildung einen dringenden Handlungsbedarf an den Regelschulen auf. Darüber hinaus konnten in dieser Studie auch Hinweise gefunden werden, dass bereits in einem kurzen Zeitraum die Tabakpolitik durch evidenzbasierte Programme wie astra in eine positive Richtung gelenkt werden können und dies auch für die SchülerInnen wahrnehmbar ist. Zudem identifizierte diese Arbeit die PflegeschülerInnen als eine besondere Gruppe in der deutschen Wohnbevölkerung. Die PflegeschülerInnen konnten als eine besonders sensible Gruppe herausgestellt werden, die empfindlich mit dem sozialen Umfeld interagiert. Ohne ausreichende soziale Unterstützung und einem Training der Stressbewältigungskompetenzen korrelieren diese Persönlichkeitsausprägungen jedoch mit einem ungesunden Lebensstil. Auch in dieser Studie konnten diese signifikanten Zusammenhänge zwischen der Persönlichkeitsausprägung und der Stresswahrnehmung, dem Rauchverhalten sowie der Widerstandsgewissheit bestätigen. Praktisch kein Einfluss konnte zwischen der Persönlichkeit und der Veränderungsbereitschaft nachgewiesen werden. Einzig bei den Persönlichkeitstypen konnte hinsichtlich der sozialen Unterstützung ein kleiner Unterschied zwischen dem Entrepreneur Type und dem Spectator Type nachgewiesen werden. Allerdings stand bei dieser letzten Untersuchung nur eine kleine Stichprobe zur Verfügung. Es kann demnach resümiert werden, dass eine Personengruppe den Pflegeberuf wählt, die aufgrund der Persönlichkeitsausprägungen sehr sensibel mit dem sozialen Umfeld interagiert. Zum einen ist es für den Pflegeberuf erfreulich, dass besonders sensible Menschen den Pflegeberuf wählen. Zum anderen bedeutet es, dass diese Personengruppe eine besondere Unterstützung durch die Kollegen/Kolleginnen, Ausbildenden in Theorie und Praxis benötigen, um entsprechende Kompetenzen für den Umgang mit Stress und einem gesunden Lebensstil zu erwerben. Aktuel treffen diese SchülerInnen mit Ausbildungsbeginn auf ein soziales Umfeld, in dem Rauchen als möglich und akzeptiert erlebt wird. Dabei befinden sich die PflegeschülerInnen in einer sensiblen Lebensphase, in der sie besonders empfänglich für neue Normen und Verhaltensweisen sind. Die Etablierung evidenzbasierter Programme zur Prävention und Tabakreduktion kann bereits zu nachweisbaren positiven Veränderungen innerhalb der Ausbildung führen. Zentral für eine nachhaltige Normänderung ist dabei eine enge Kooperation mit der Praxis., Introduction: Although there has been a significant decline in tobacco prevalence in society, the high prevalence in care (30-40%) seems to be manifesting itself. These figures are often justified by professional socialisation and the prevailing norms. Particularly frequently buzzwords such as lack of skilled workers, permanent stress or nursing collapse occur in connection with the health behaviour of carers, especially with regard to smoking behaviour. However, other studies on tobacco consumption among the nursing students already show prevalence of about 50%, which is significantly higher than the prevalence of this age group (about 30%). These studies also criticise the situation in practice but warn that tobacco prevention and reduction should start earlier in school. In addition to the professional situation, the present paper also sees possible selection factors in the choice of occupation, which could be the cause of tobacco prevalence and also have an influence on the motivation for change with regard to one's own state of health. Main part: The theoretical basis for the considerations of socialization are the ecological developmental psychology of Bronfenbrenner and the theory of social learning of Bandura. Both theories are based on a strong exchange between the individual and his environment. Especially in the field of prevention research Bronfenbrenner is very important in considering the different environments, whereas Bandura is central in the field of life skills training due to the high importance of self-efficacy. In the context of the theoretical examination of socialisation, the importance of social norms and work-related stressors are also examined. The considerations on possible selection factors in nursing are based on the five-factor model (Big Five) and the personality types developed from it according to Torgensen. Proof is given that the personality has an influence on career choice, health behaviour and willingness to change. These results are further manifested by the occupational choice model of Holland, as well as theories of health psychology, including the transactional stress model of Lazarus and Folkmann or the transtheoretical model of behavioral change of Prochaska und DiClemente. Since this work was written as part of the "astra" intervention study on tobacco prevention and intervention for trainees in nursing care, the changes brought about by the project are also to be examined on the one hand at the level of conditions and on the other hand at the level of individual behaviour. For this purpose, the six-phase model for addiction prevention activities of Springer and Uhl, the classification of addiction and an introduction to the modules and implementation of the astra-project are briefly outlined. Overall, five questions arise from the considerations on the socialisation and selection factors in nursing training: 1) Are the socialisation conditions in nursing tobacco-friendly? 2) Does the change process differ between the intervention schools and control schools at astra? 3) Do the students of nursing care differ from the German population in terms of their personality? 4) Are there significant differences in health behaviour with regard to personality characteristics? 5) Is the willingness of the nursing students to change dependent on their personal characteristics? Methods: The study was conducted in a non-randomized waiting list control group design. A total of twelve nursing schools and a total of 508 nursing students were surveyed. For the final survey at the end of the project, the data from a total of 235 students were collected, which corresponds to a retention rate of 46%. Results: With regard to the first question: Are the socialisation conditions in nursing tobacco-friendly? using the headmaster questionnaires the examination does show indications of a tobacco-friendly policy. However, due to the sample size there are no interference-statistical analyses to confirm these results. At the student level, tobacco-friendly socialisation conditions were confirmed in terms of subjective norm, social norm and attitudes towards behavioural measures. With regard to the second question: Do the change processes differ between the intervention schools and the control schools at astra? At the headmaster level, positive changes could be perceived at the intervention schools. However, due to the sample size there are no interference-statistical procedures here either. At the pupil level, significant positive developments in the intervention schools and significant negative developments in the control schools could be demonstrated for the variables subjective norm and social support. The third question dealt with the question of whether nursing students differ from the German resident population in terms of their personality? The examination of the Big Five showed significant differences both in the general view and differentiated according to age and gender. In addition, the explorative analysis of personality types revealed significant differences between nursing students and the German resident population. The results show that the nursing students are a group that is particularly sensitive and therefore interacts sensitively with the social environment. The fourth question dealt with the analysis of whether there are significant differences in health behaviour with regard to personality characteristics? In the case of the Big Five, significant correlations with stress perception, smoking behaviour and resistance certainty (of an offered cigarette) could be demonstrated. With regard to personality types, these significant results could only be confirmed for stress perception and resistance certainty. The last question was: Does the willingness of the student nurses to change depend on the personality characteristics? Only those intervention students were considered who had taken part in both surveys (N=115). At the level of the Big Five, no connections could be found. With regard to personality types, the Entrepreneur Type showed a slightly positive trend with regard to social support, which differed significantly from the slightly negative development of the Spectator Type. Discussion: This study provides evidence that tobacco policy in nursing schools is more tobacco-friendly than in mainstream schools and is also perceived accordingly by the student body. At the same time, the high prevalences indicate an urgent need for action at the mainstream schools right from the start of nursing training. In addition, this study also found indications that tobacco policy can be steered in a positive direction within a short period of time by evidence-based programmes such as astra, and that this is also perceptible to pupils. In addition, this work identified the nursing students as a special group in the German resident population. The student nurses could be identified as a particularly sensitive group that interacts sensitively with the social environment. Without sufficient social support and training in stress management skills, however, these personality characteristics correlate with an unhealthy lifestyle. In this study, too, these significant correlations between personality development and stress perception, smoking behaviour and resistance certainty were confirmed. Practically no influence could be proven between personality and willingness to change. Only with the personality types a small difference between the Entrepreneur type and the Spectator type could be proven regarding the social support. However, only a small sample was available in this last study. It can therefore be summed up that a group of people chooses the nursing profession that interacts very sensitively with the social environment due to its personality characteristics. On the one hand, it is pleasing for the nursing profession that particularly sensitive people choose the nursing profession. On the other hand, it means that this group of people require special support from colleagues, trainers in theory and practice, in order to acquire the appropriate skills for dealing with stress and a healthy lifestyle. At present, these students encounter a social environment in which smoking is experienced as possible and accepted. The nursing students find themselves in a sensitive phase of their lives in which they are particularly susceptible to new norms and behaviours. The establishment of evidence-based programmes for prevention and tobacco reduction can already lead to demonstrable positive changes within education. Close cooperation with practitioners is central to a sustainable change in standards.
PflegeschülerInnen, Tabakprävention, Tabakreduktion, Verhaltensprävention, Verhältnisprävention, Stress, Big Five, Persönlichkeitstypen, Tabakpolitik, student care, tobacco prevention, tobacco reduction, behavioural prevention, ratio prevention, stress, Big Five, personality types, tobacco policy
Schulze, Katrin
2019
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Schulze, Katrin (2019): Tabakkonsum unter Pflegeschülerinnen und Pflegeschülern: eine Untersuchung der Sozialisations- und Selektionsfaktoren bei der Pflegeausbildung und deren Wirkung auf das Präventions- und Interventionsprogramm astra. Dissertation, LMU München: Faculty of Psychology and Educational Sciences
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Abstract

Einleitung: Obwohl in der Gesellschaft ein deutlicher Rückgang bei den Tabakprävalenzen zu verzeichnen ist, scheinen sich die hohen Prävalenzen in der Pflege (30-40%) zu manifestieren. Begründet werden diese Zahlen vielmals mit der beruflichen Sozialisation und den vorherrschenden Normen. Besonders häufig fallen im Zusammenhang mit dem Gesundheitsverhalten der PflegerInnen, insbesondere hinsichtlich des Rauchverhaltens, Schlagwörter wie der Fachkräftemangel, der Dauerstress oder der Pflegekollaps. Andere Studien zum Tabakkonsum unter den Pflegeschülern/PflegeschülerInnen belegen jedoch bereits eine Prävalenz von ca. 50%, welche deutlich über der Prävalenz dieser Altersgruppe (ca. 30%) liegt. Diese Studien kritisieren auch die Situation in der Praxis, ermahnen jedoch, dass die Tabakprävention und –reduktion bereits zu einem früheren Zeitpunkt, während der Schulzeit, ansetzen müsste. Die vorliegende Arbeit untersucht neben der beruflichen Situation auch mögliche Selektionsfaktoren bei der Berufswahl als Ursache für die Tabakprävalenzen und darüber hinaus den Einfluss personenbezogener Merkmale auf die Änderungsmotivation hinsichtlich des eigenen Gesundheitsverhaltens. Hauptteil: Als theoretische Basis der Überlegungen zur Sozialisation dienen die ökologische Entwicklungspsychologie von Bronfenbrenner sowie die Theorie des sozialen Lernens von Bandura. Beide Theorien gehen von einem starken Austausch zwischen dem Individuum und seiner Umwelt aus. Gerade in der Präventionsforschung besitzt Bronfenbrenner mit der Betrachtung der unterschiedlichen Umwelten einen hohen Stellenwert, wohingegen Bandura im Bereich des Lebenskompetenztrainings durch die hohe Bedeutung der Selbstwirksamkeit zentral ist. Im Rahmen der theoretischen Auseinandersetzung mit der Sozialisation werden auch die Bedeutung der sozialen Normen sowie der arbeitsplatzbezogenen Stressoren beleuchtet. Die Überlegungen zu möglichen Selektionsfaktoren in der Pflege begründen sich auf das Fünf-Faktoren-Modell (Big Five) und dem daraus entwickelten Persönlichkeitstypen nach Torgensen. Es werden dabei Belege angeführt, dass die Persönlichkeit einen Einfluss auf die Berufswahl, das Gesundheitsverhalten sowie die Änderungsbereitschaft besitzt. Weiter manifestiert werden diese Ergebnisse durch das Berufswahlmodell von Holland sowie Theorien der Gesundheitspsychologie, u.a. dem transaktionalen Stressmodell von Lazarus und Folkmann oder dem Transtheoretischen Modell der Verhaltensänderung von Prochaska und DiClemente. Da diese Arbeit im Rahmen der Interventionsstudie „astra“ zur Tabakprävention und –intervention für Auszubildende in der Pflege verfasst wurde, sollen auch die Veränderungen durch das Projekt zum einen auf der Ebene der Verhältnisse und zum anderen auf der Ebene des individuellen Verhaltens untersucht werden. Hierfür erfolgt ein kurzer Abriss des Sechs-Phasen-Modells für suchtpräventive Tätigkeiten von Springer und Uhl, der Klassifizierung von Sucht sowie eine Vorstellung der Module und der Umsetzung des astra-Projekts. Insgesamt ergeben sich aus den Überlegungen zu den Sozialisations- und Selektionsfaktoren in der Pflegeausbildung fünf Fragestellungen: 1) Sind die Sozialisationsbedingungen in der Pflege tabakfreundlich? 2) Unterscheiden sich die Veränderungsprozesse zwischen den Interventionsschulen und Kontrollschulen bei astra? 3) Unterscheiden sich die PflegeschülerInnen hinsichtlich ihrer Persönlichkeit von der deutschen Wohnbevölkerung? 4) Zeigen sich signifikante Unterschiede im Gesundheitsverhalten im Hinblick auf die Persönlichkeitsausprägungen? 5) Ist die Veränderungsbereitschaft der PflegeschülerInnen abhängig von den Persönlichkeits¬ausprägungen? Methode: Die Studie wurde in einem nicht randomisierten Wartelisten-Kontrollgruppen-Design durchgeführt. Insgesamt konnten zwölf Pflegeschulen und insgesamt 508 PflegeschülerInnen befragt werden. Zur abschließenden Befragung am Projektende konnten die Daten von insgesamt 235 Schülern/ Schülerinnen gewonnen werden, was einer Haltequote von 46% entspricht. Ergebnisse: Hinsichtlich der ersten Fragestellung: Sind die Sozialisationsbedingungen in der Pflege tabakfreundlich? zeigt die Betrachtung der Tabakpolitik anhand der Schulleiterbögen Hinweise auf eine tabakfreundliche Politik auf. Allerdings fehlen hier aufgrund der Stichprobengröße interferenzstatistische Analysen, um diese Ergebnisse zu bestätigen. Auf der Ebene der SchülerInnen konnten tabakfreundliche Sozialisationsbedingungen hinsichtlich der subjektiven Norm, sozialen Norm und den Einstellungen gegenüber verhaltensbezogener Maßnahmen bestätigt werden. Bei der zweiten Frage: Unterscheiden sich die Veränderungsprozesse zwischen den Interventionsschulen und Kontrollschulen bei astra? konnten auf der Schulleiterebene positive Veränderungen bei den Interventionsschulen wahrgenommen werden. Allerdings fehlen auch hier aufgrund der Stichprobengröße interferenzstatistische Verfahren. Auf der Ebene der SchülerInnen konnten signifikante positive Entwicklungen in den Interventionsschulen bzw. signifikante negative Entwicklungen in den Kontrollschulen bei den Variablen subjektive Norm und soziale Unterstützung nachgewiesen werden. Die dritte Fragestellung setzte sich mit der Frage auseinander, ob sich die PflegeschülerInnen hinsichtlich ihrer Persönlichkeit von der deutschen Wohnbevölkerung unterscheiden? Die Überprüfung der Big Five zeigte signifikante Unterschiede sowohl bei der allgemeinen Betrachtung als auch nach Alter und Geschlecht differenziert. Darüber hinaus ergab auch die explorative Analyse der Persönlichkeitstypen signifikante Unterschiede zwischen den Pflegeschülern/Pflegeschülerinnen und der deutschen Wohnbevölkerung. Die Ergebnisse zeigen, dass es sich bei den PflegeschülerInnen, um eine Gruppe handelt, die besonders sensibel ist und entsprechend feinfühlig mit dem sozialen Umfeld interagiert. Die vierte Frage beschäftigte sich mit der Analyse, ob sich signifikante Unterschiede im Gesundheitsverhalten im Hinblick auf die Persönlichkeitsausprägungen zeigen? Dabei konnten bei den Big Five signifikante Zusammenhänge mit der Stresswahrnehmung, dem Rauchverhalten und der Widerstandsgewissheit (einer angebotenen Zigarette) nachgewiesen werden. Hinsichtlich der Persönlichkeitstypen konnten diese signifikanten Ergebnisse nur bei der Stresswahnehmung und der Widerstandsgewissheit bestätigt werden. Die letzte Frage lautete: Ist die Veränderungsbereitschaft der PflegeschülerInnen abhängig von den Persönlichkeits¬ausprägungen? Dabei wurden nur die InterventionsschülerInnen berücksichtigt, die an beiden Befragungen teilgenommen hatten (N=115). Auf der Ebene der Big Five konnten dabei keine Zusammenhänge gefunden werden. Bei den Persönlichkeitstypen konnte beim Entrepreneur Type ein leicht positiver Trend hinsichtlich der sozialen Unterstützung gemessen werden, der sich signifikant von der leicht negativen Entwicklung des Spectator Type unterscheidet. Diskussion: Diese Studie gibt Hinweise darauf, dass die Tabakpolitik in den Pflegeschulen tabakfreundlicher ist, als in den Regelschulen und auch entsprechend von der Schülerschaft wahrgenommen wird. Gleichzeitig zeigen die hohen Prävalenzen bereits zu Beginn der Pflegeausbildung einen dringenden Handlungsbedarf an den Regelschulen auf. Darüber hinaus konnten in dieser Studie auch Hinweise gefunden werden, dass bereits in einem kurzen Zeitraum die Tabakpolitik durch evidenzbasierte Programme wie astra in eine positive Richtung gelenkt werden können und dies auch für die SchülerInnen wahrnehmbar ist. Zudem identifizierte diese Arbeit die PflegeschülerInnen als eine besondere Gruppe in der deutschen Wohnbevölkerung. Die PflegeschülerInnen konnten als eine besonders sensible Gruppe herausgestellt werden, die empfindlich mit dem sozialen Umfeld interagiert. Ohne ausreichende soziale Unterstützung und einem Training der Stressbewältigungskompetenzen korrelieren diese Persönlichkeitsausprägungen jedoch mit einem ungesunden Lebensstil. Auch in dieser Studie konnten diese signifikanten Zusammenhänge zwischen der Persönlichkeitsausprägung und der Stresswahrnehmung, dem Rauchverhalten sowie der Widerstandsgewissheit bestätigen. Praktisch kein Einfluss konnte zwischen der Persönlichkeit und der Veränderungsbereitschaft nachgewiesen werden. Einzig bei den Persönlichkeitstypen konnte hinsichtlich der sozialen Unterstützung ein kleiner Unterschied zwischen dem Entrepreneur Type und dem Spectator Type nachgewiesen werden. Allerdings stand bei dieser letzten Untersuchung nur eine kleine Stichprobe zur Verfügung. Es kann demnach resümiert werden, dass eine Personengruppe den Pflegeberuf wählt, die aufgrund der Persönlichkeitsausprägungen sehr sensibel mit dem sozialen Umfeld interagiert. Zum einen ist es für den Pflegeberuf erfreulich, dass besonders sensible Menschen den Pflegeberuf wählen. Zum anderen bedeutet es, dass diese Personengruppe eine besondere Unterstützung durch die Kollegen/Kolleginnen, Ausbildenden in Theorie und Praxis benötigen, um entsprechende Kompetenzen für den Umgang mit Stress und einem gesunden Lebensstil zu erwerben. Aktuel treffen diese SchülerInnen mit Ausbildungsbeginn auf ein soziales Umfeld, in dem Rauchen als möglich und akzeptiert erlebt wird. Dabei befinden sich die PflegeschülerInnen in einer sensiblen Lebensphase, in der sie besonders empfänglich für neue Normen und Verhaltensweisen sind. Die Etablierung evidenzbasierter Programme zur Prävention und Tabakreduktion kann bereits zu nachweisbaren positiven Veränderungen innerhalb der Ausbildung führen. Zentral für eine nachhaltige Normänderung ist dabei eine enge Kooperation mit der Praxis.

Abstract

Introduction: Although there has been a significant decline in tobacco prevalence in society, the high prevalence in care (30-40%) seems to be manifesting itself. These figures are often justified by professional socialisation and the prevailing norms. Particularly frequently buzzwords such as lack of skilled workers, permanent stress or nursing collapse occur in connection with the health behaviour of carers, especially with regard to smoking behaviour. However, other studies on tobacco consumption among the nursing students already show prevalence of about 50%, which is significantly higher than the prevalence of this age group (about 30%). These studies also criticise the situation in practice but warn that tobacco prevention and reduction should start earlier in school. In addition to the professional situation, the present paper also sees possible selection factors in the choice of occupation, which could be the cause of tobacco prevalence and also have an influence on the motivation for change with regard to one's own state of health. Main part: The theoretical basis for the considerations of socialization are the ecological developmental psychology of Bronfenbrenner and the theory of social learning of Bandura. Both theories are based on a strong exchange between the individual and his environment. Especially in the field of prevention research Bronfenbrenner is very important in considering the different environments, whereas Bandura is central in the field of life skills training due to the high importance of self-efficacy. In the context of the theoretical examination of socialisation, the importance of social norms and work-related stressors are also examined. The considerations on possible selection factors in nursing are based on the five-factor model (Big Five) and the personality types developed from it according to Torgensen. Proof is given that the personality has an influence on career choice, health behaviour and willingness to change. These results are further manifested by the occupational choice model of Holland, as well as theories of health psychology, including the transactional stress model of Lazarus and Folkmann or the transtheoretical model of behavioral change of Prochaska und DiClemente. Since this work was written as part of the "astra" intervention study on tobacco prevention and intervention for trainees in nursing care, the changes brought about by the project are also to be examined on the one hand at the level of conditions and on the other hand at the level of individual behaviour. For this purpose, the six-phase model for addiction prevention activities of Springer and Uhl, the classification of addiction and an introduction to the modules and implementation of the astra-project are briefly outlined. Overall, five questions arise from the considerations on the socialisation and selection factors in nursing training: 1) Are the socialisation conditions in nursing tobacco-friendly? 2) Does the change process differ between the intervention schools and control schools at astra? 3) Do the students of nursing care differ from the German population in terms of their personality? 4) Are there significant differences in health behaviour with regard to personality characteristics? 5) Is the willingness of the nursing students to change dependent on their personal characteristics? Methods: The study was conducted in a non-randomized waiting list control group design. A total of twelve nursing schools and a total of 508 nursing students were surveyed. For the final survey at the end of the project, the data from a total of 235 students were collected, which corresponds to a retention rate of 46%. Results: With regard to the first question: Are the socialisation conditions in nursing tobacco-friendly? using the headmaster questionnaires the examination does show indications of a tobacco-friendly policy. However, due to the sample size there are no interference-statistical analyses to confirm these results. At the student level, tobacco-friendly socialisation conditions were confirmed in terms of subjective norm, social norm and attitudes towards behavioural measures. With regard to the second question: Do the change processes differ between the intervention schools and the control schools at astra? At the headmaster level, positive changes could be perceived at the intervention schools. However, due to the sample size there are no interference-statistical procedures here either. At the pupil level, significant positive developments in the intervention schools and significant negative developments in the control schools could be demonstrated for the variables subjective norm and social support. The third question dealt with the question of whether nursing students differ from the German resident population in terms of their personality? The examination of the Big Five showed significant differences both in the general view and differentiated according to age and gender. In addition, the explorative analysis of personality types revealed significant differences between nursing students and the German resident population. The results show that the nursing students are a group that is particularly sensitive and therefore interacts sensitively with the social environment. The fourth question dealt with the analysis of whether there are significant differences in health behaviour with regard to personality characteristics? In the case of the Big Five, significant correlations with stress perception, smoking behaviour and resistance certainty (of an offered cigarette) could be demonstrated. With regard to personality types, these significant results could only be confirmed for stress perception and resistance certainty. The last question was: Does the willingness of the student nurses to change depend on the personality characteristics? Only those intervention students were considered who had taken part in both surveys (N=115). At the level of the Big Five, no connections could be found. With regard to personality types, the Entrepreneur Type showed a slightly positive trend with regard to social support, which differed significantly from the slightly negative development of the Spectator Type. Discussion: This study provides evidence that tobacco policy in nursing schools is more tobacco-friendly than in mainstream schools and is also perceived accordingly by the student body. At the same time, the high prevalences indicate an urgent need for action at the mainstream schools right from the start of nursing training. In addition, this study also found indications that tobacco policy can be steered in a positive direction within a short period of time by evidence-based programmes such as astra, and that this is also perceptible to pupils. In addition, this work identified the nursing students as a special group in the German resident population. The student nurses could be identified as a particularly sensitive group that interacts sensitively with the social environment. Without sufficient social support and training in stress management skills, however, these personality characteristics correlate with an unhealthy lifestyle. In this study, too, these significant correlations between personality development and stress perception, smoking behaviour and resistance certainty were confirmed. Practically no influence could be proven between personality and willingness to change. Only with the personality types a small difference between the Entrepreneur type and the Spectator type could be proven regarding the social support. However, only a small sample was available in this last study. It can therefore be summed up that a group of people chooses the nursing profession that interacts very sensitively with the social environment due to its personality characteristics. On the one hand, it is pleasing for the nursing profession that particularly sensitive people choose the nursing profession. On the other hand, it means that this group of people require special support from colleagues, trainers in theory and practice, in order to acquire the appropriate skills for dealing with stress and a healthy lifestyle. At present, these students encounter a social environment in which smoking is experienced as possible and accepted. The nursing students find themselves in a sensitive phase of their lives in which they are particularly susceptible to new norms and behaviours. The establishment of evidence-based programmes for prevention and tobacco reduction can already lead to demonstrable positive changes within education. Close cooperation with practitioners is central to a sustainable change in standards.