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Die Rolle der Differenzierung des Selbst im erweiterten Zürcher Modell der sozialen Motivation am Beispiel einer systemischen Paartherapie
Die Rolle der Differenzierung des Selbst im erweiterten Zürcher Modell der sozialen Motivation am Beispiel einer systemischen Paartherapie
Theorie: Zur Verbesserung bestehender Psychotherapieverfahren ist Prozessforschung das Mittel der Wahl. In der vorliegenden Arbeit wird diese als Einzelfallforschung umgesetzt. Ein Weg der Prozessforschung ist die Überprüfung vorhandener Theorien, die Aussagen zu Veränderungsprozessen während der Psychotherapie machen. Die Theorieprüfung am Einzelfall ist möglich, wenn der Schluss von Empirie auf Theorie (Abduktion) mit einem qualitativen Verfahren des hermeneutischen Prozessvergleichs systematisch und nachprüfbar realisiert wird. Die psychotherapeutische Prozesstheorie, die in der vorliegenden Arbeit geprüft wird, ist das Konzept der Differenzierung des Selbst, ein in der systemischen Paar- und Familientherapie verbreitetes Konstrukt, das die emotionale Entwicklung Erwachsener beschreibt. Um diese Theorie als Prozess überprüfen zu können, wird dieser in seinen theoretischen Details weiter ausgearbeitet. Dies geschieht, indem das Konzept der Differenzierung des Selbst in ein allgemeinpsychologisches Rahmenmodell, das Zürcher Modell der sozialen Motivation (Bischof, 1993), das um spezifisch menschliche, kognitive Fähigkeiten erweitert wurde, eingebettet wird. Unter Einbeziehung einer Theorie der Moral (Bischof, 2012) kann über die Emotion Scham eine Verbindung zu klassischen Erkenntnissen der Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 2000) und der Theorie der kognitiven Dissonanz (Festinger, 1957) hergestellt werden. Das aus dieser Theoriezusammenstellung hervorgehende Konzept eines Identitätsprozesses stellt, unter bestimmten Bedingungen, einen Vergleich von konkretem Verhalten und eigener Identität her, der dann als Dissonanz motivational wirksam wird, so dass die betreffende Person den Mut zu neuartigem Beziehungsverhalten aufbringt. Die Annahme, dass dieser Entwicklungsprozess ursächlich für paartherapeutischen Erfolg ist, wird getestet. Methode: Ein Fall systemischer Paartherapie nach dem Münchner Modell wird prozesshaft begleitet. Das Paar mittleren Alters hat schwerwiegende Schwierigkeiten, Konflikte beizulegen, und ist auch von individueller Symptombelastung betroffen. Es werden nach dem Messdesign von (Ulrich, 2012) Fragebögen vor und nach der Therapie und 6 Monate später, vor und nach jeder Sitzung und täglich auch zwischen den Sitzungen beantwortet. Verschiedene Messinstrumente zum individuellen und paarbezogenen Outcome, zu Kommunikationsmustern, Persönlichkeit, Motivation, Differenzierung, Befindlichkeit und therapeutischen Prozessen kommen dabei zum Einsatz. Ergebnisse: Mittels hermeneutischer Einzelfallwirksamkeitsanalyse nach (Elliott, 2002) wird festgestellt, dass die Paartherapie im vorliegenden Fall wirksam und für den Erfolg verantwortlich war. Mittels hermeneutischem Prozessvergleich wird festgestellt, dass nur die Partnerin einen Entwicklungsprozess im Sinne der Differenzierung des Selbst durchlaufen hat, wohingegen die Erfolgsbewertung des Partners auf Änderungen im Interaktionsmuster beruhen, die auf besagte Änderung der Partnerin zurückgehen. Diskussion: Glaubwürdigkeit und Möglichkeiten der Generalisierung werden diskutiert, Implikationen für die Theorie der Differenzierung des Selbst, die Verwendung des Messdesigns und die therapeutische Praxis werden aufgezeigt.
psychotherapy process research, hermeneutic efficacy design, couple therapy, differentiation of self, social motivation
Greisel, Martin
2016
German
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Greisel, Martin (2016): Die Rolle der Differenzierung des Selbst im erweiterten Zürcher Modell der sozialen Motivation am Beispiel einer systemischen Paartherapie. Dissertation, LMU München: Faculty of Psychology and Educational Sciences
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Abstract

Theorie: Zur Verbesserung bestehender Psychotherapieverfahren ist Prozessforschung das Mittel der Wahl. In der vorliegenden Arbeit wird diese als Einzelfallforschung umgesetzt. Ein Weg der Prozessforschung ist die Überprüfung vorhandener Theorien, die Aussagen zu Veränderungsprozessen während der Psychotherapie machen. Die Theorieprüfung am Einzelfall ist möglich, wenn der Schluss von Empirie auf Theorie (Abduktion) mit einem qualitativen Verfahren des hermeneutischen Prozessvergleichs systematisch und nachprüfbar realisiert wird. Die psychotherapeutische Prozesstheorie, die in der vorliegenden Arbeit geprüft wird, ist das Konzept der Differenzierung des Selbst, ein in der systemischen Paar- und Familientherapie verbreitetes Konstrukt, das die emotionale Entwicklung Erwachsener beschreibt. Um diese Theorie als Prozess überprüfen zu können, wird dieser in seinen theoretischen Details weiter ausgearbeitet. Dies geschieht, indem das Konzept der Differenzierung des Selbst in ein allgemeinpsychologisches Rahmenmodell, das Zürcher Modell der sozialen Motivation (Bischof, 1993), das um spezifisch menschliche, kognitive Fähigkeiten erweitert wurde, eingebettet wird. Unter Einbeziehung einer Theorie der Moral (Bischof, 2012) kann über die Emotion Scham eine Verbindung zu klassischen Erkenntnissen der Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 2000) und der Theorie der kognitiven Dissonanz (Festinger, 1957) hergestellt werden. Das aus dieser Theoriezusammenstellung hervorgehende Konzept eines Identitätsprozesses stellt, unter bestimmten Bedingungen, einen Vergleich von konkretem Verhalten und eigener Identität her, der dann als Dissonanz motivational wirksam wird, so dass die betreffende Person den Mut zu neuartigem Beziehungsverhalten aufbringt. Die Annahme, dass dieser Entwicklungsprozess ursächlich für paartherapeutischen Erfolg ist, wird getestet. Methode: Ein Fall systemischer Paartherapie nach dem Münchner Modell wird prozesshaft begleitet. Das Paar mittleren Alters hat schwerwiegende Schwierigkeiten, Konflikte beizulegen, und ist auch von individueller Symptombelastung betroffen. Es werden nach dem Messdesign von (Ulrich, 2012) Fragebögen vor und nach der Therapie und 6 Monate später, vor und nach jeder Sitzung und täglich auch zwischen den Sitzungen beantwortet. Verschiedene Messinstrumente zum individuellen und paarbezogenen Outcome, zu Kommunikationsmustern, Persönlichkeit, Motivation, Differenzierung, Befindlichkeit und therapeutischen Prozessen kommen dabei zum Einsatz. Ergebnisse: Mittels hermeneutischer Einzelfallwirksamkeitsanalyse nach (Elliott, 2002) wird festgestellt, dass die Paartherapie im vorliegenden Fall wirksam und für den Erfolg verantwortlich war. Mittels hermeneutischem Prozessvergleich wird festgestellt, dass nur die Partnerin einen Entwicklungsprozess im Sinne der Differenzierung des Selbst durchlaufen hat, wohingegen die Erfolgsbewertung des Partners auf Änderungen im Interaktionsmuster beruhen, die auf besagte Änderung der Partnerin zurückgehen. Diskussion: Glaubwürdigkeit und Möglichkeiten der Generalisierung werden diskutiert, Implikationen für die Theorie der Differenzierung des Selbst, die Verwendung des Messdesigns und die therapeutische Praxis werden aufgezeigt.