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Schebesta, Nina (2016): Soziale Determinanten nicht natürlicher Todesfälle in München 2006 bis 2013. Dissertation, LMU München: Medizinische Fakultät
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Abstract

Der Einfluss des sozioökonomischen Status auf die Gesundheit und die allgemeine Mortalität ist in zahlreichen Studien belegt und mittlerweile wissenschaftlich anerkannt. In dieser Arbeit soll nun beleuchtet werden, ob ein solcher Einfluss auch bei den sehr viel selteneren nicht natürlichen Todesfällen besteht, die nur vier Prozent der gesamten Todesfälle ausmachen. Spielen hierbei, obwohl von außen einwirkende Ereignisse zum Tode führen, trotz allem soziale Faktoren wie der sozioökonomische Status aber auch der Familienstand, Alter und Geschlecht eine entscheidende Rolle? Diese Frage soll anhand eines Kollektivs aus den Daten des Sektionsbuchs des Instituts für Rechtsmedizin München geklärt werden. Diese werden sowohl separat betrachtet als auch mit Zahlen aus der Todesursachenstatistik und der Gesamtbevölkerung verglichen. Es handelt sich dabei um die in der Obduktion als nicht natürlichen Tod klassifizierten Fälle aus den Jahren 2006 bis einschließlich August 2013. Da unter anderem wohnortassoziierte Parameter zur Analyse verwendet werden sollen, werden nur diejenigen nicht natürlich Verstorbenen ausgewählt, deren Wohnort angegeben ist und sich im Stadtgebiet München befindet. Außerdem werden ausschließlich die Todesursachen Unfall, Suizid und Tötung betrachtet, sonstige Todesursachen und der Tod durch ärztliche Maßnahmen werden aus dem Kollektiv ausgeschlossen. Es werden die Daten aus dem Sektionsbuch des Instituts für Rechtsmedizin verwendet, um folgende Parameter zu erheben: Alter, Geschlecht, Familienstand, Erwerbstätigkeit und Anforderungsniveau des zuletzt ausgeübten Berufs. Anhand der Adresse werden die Parameter Stadtbezirk, Kriminalität des jeweiligen Stadtbezirks, die Ausprägung der sozialen Herausforderung der Wohngegend und die Wohnlage ermittelt. All diese Parameter sind mehr oder weniger stark mit dem sozioökonomischen Status assoziiert, und geben so Aufschluss über den Stand des Verstorbenen in der Gesellschaft. Außerdem werden dem Sektionsbuch Angaben zur Todesursache entnommen, der Tod durch Unfall, Suizid und Tötung wird jeweils separat betrachtet. Schließlich wird die Ausprägung der einzelnen Parameter mit Werten aus der Münchner Gesamtbevölkerung verglichen. Bei Betrachtung der Unfallopfer des Kollektivs fällt auf, dass die Arbeitslosigkeit oder ein geringes Anforderungsniveau, das Wohnen in einer Region mit hoher sozialer Herausforderung und das Wohnen in einfacher oder durchschnittlicher Wohnlage, mit einem erhöhten Unfallrisiko assoziiert sind. All diese Parameter-ausprägungen sind hinweisend für einen niedrigen sozioökonomischen Status. Doch auch vom sozioökonomischen Status unabhängige Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Personen mit dem Familienstand geschieden und verwitwet, jedoch scheint die Ehe protektiv zu wirken. Außerdem sind das junge Erwachsenenalter (20 bis 39 Jahre) und das männliche Geschlecht mit einer erhöhten Unfallmortalität assoziiert. Eine erhöhte Häufigkeit des Suizids ist im Kollektiv der Studie beim männlichen Geschlecht und dem höheren Lebensalter, bei der Arbeitslosigkeit sowie dem Familienstand geschieden und verwitwet zu finden. Zusätzlich war das Wohnen in einfacher und durchschnittlicher Wohnlage und in einer Wohngegend mit hoher sozialer Herausforderung assoziiert mit einer erhöhten Suizidmortalität. Als Einflussfaktoren an einem Tötungsdelikt zu sterben können folgende Faktoren des sozioökonomischen Status genannt werden: Arbeitslosigkeit, Wohnen in einer Region mit hoher sozialer Herausforderung und in einfacher oder durchschnittlicher Wohnlage. Außerdem stellt die Tötung die einzige nicht natürliche Todesursache dar, bei welcher die Gewaltbereitschaft des Wohnbezirks, in dem der Verstorbene vor seinem Tod wohnte, eine Rolle zu spielen scheint. Liegt dieser in Stadtbezirken mit hoher Gewaltbereitschaft, also einem erhöhten Anteil von Gewalttaten an den gesamten Straftaten, ist auch das Risiko getötet zu werden erhöht. Weitere personenbezogene Faktoren, die mit einer gesteigerten Mortalität durch eine Tötung zusammenhängen, stellen das Alter zwischen 20 und 39 Jahren und der Familienstand geschieden dar. Die in dieser Arbeit herausgearbeiteten sozialen Faktoren mit Einfluss auf die Mortalität durch nicht natürliche Todesursachen entsprechen weitestgehend denen der Literatur. Einzig beim Familienstand ledig war im Gegensatz zu vielen anderen Studien erstaunlicherweise in München kein Zusammenhang zu finden. Die erarbeiteten Ergebnisse werden durch einige Faktoren in ihrer Aussagekraft limitiert. Die Parameter Erwerbstätigkeit und Anforderungsniveau geben lediglich Aufschluss über den zuletzt ausgeübten Beruf, nicht aber über den Bildungsgrad, der besser über den höchsten Bildungsabschluss ermittelt werden könnte. Zur Abschätzung der finanziellen Lage könnte zusätzlich das Einkommen und die Vermögenswerte herangezogen werden. Die Wohnlage stellt lediglich einen Anhaltspunkt dar, ob es sich um eine gute oder schlechte Wohngegend handelt, beispielsweise der Mietpreis der Wohnung würde hier genauere Angaben liefern. Informationen über Erkrankungen, vor allem psychischer Art, könnten Aufschluss über das mentale Befinden liefern. Ferner kann zur Güte, Vollständigkeit und Repräsentativität des Fallmaterials keine sichere Aussage gemacht werden. Die Stadt München sollte ihr Monitoring fortführen, gegebenenfalls auf kleinräumigerer Ebene als derjenigen der Planungsregionen, und so Schwerpunkte für den Handlungsbedarf setzen. Die Betreuung von sozial schwachen Personen sollte weitergeführt und möglicherweise um eine psychische Komponente erweitert werden. Die soziale Einbindung dieser Personen sollte weiter gestärkt werden. Außerdem sollte noch stärker für die Vermeidung von Risikoverhalten geworben und dabei gezielt auf gefährdete Bevölkerungsgruppen eingegangen werden. Weitere Studien könnten die Thematik um die Parameter Einkommen und Bil-dungsstand erweitern und genauer auf die Parameter Beruf (nicht nur zuletzt ausgeübter) und Arbeitslosigkeit (langfristig oder kurzzeitig) eingehen. Die Zusammenhänge könnten durch einen multivariaten Ansatz genauer überprüft werden. Eine Aufnahme von sozioökonomischen Faktoren in die Todesbescheinigung wäre hierfür – auch für die Betrachtung auf Bundesebene – durchaus sinnvoll. Trotz einiger Limitationen kann somit in dieser univariaten Auswertung bereits gezeigt werden, dass für die Münchner Bevölkerung bestimmte personen- und wohnortbezogene Faktoren das Risiko für einen nicht natürlichen Tod erhöhen.