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Weilnböck, Georg Emanuel Cajetan (2013): Zur Stressbelastung des Rehwilds (Capreolus capreolus) beim Fang mit der Kastenfalle, The stress of roe deer captured in a boxtrap. Dissertation, LMU München: Tierärztliche Fakultät
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Abstract

Seit Jahrzehnten werden in Europa Kastenfallen eingesetzt, um die Spezies Reh zu erforschen. Die Rolle des Wildtiers in seinem natürlichen Lebensraum, Räuber–Beute–Beziehungen, die Bedeutung des Rehs beim Verbiss von Jungpflanzen und Gefahren für den Straßenverkehr sind einige der Untersuchungsschwerpunkte. In den letzten Jahren hat es sich bewährt, Telemetriehalsbänder beim Reh einzusetzen, um somit das räumliche Verhalten analysieren zu können. Zu diesen Zwecken ist Fang und direkte Manipulation der Tiere erforderlich. Da diese Maßnahmen für das „scheue Wildtier“ immer eine unnatürliche Situation darstellen, wurden sie folglich von den zuständigen Behörden als möglicherweise „stark belastend“ und nach §8 Absatz 1 im Tierschutzgesetz als genehmigungspflichtig eingestuft. Untersuchungen zur Stressbelastung beim Fang mit der Kastenfalle fehlten bislang. Um weitergehende Erkenntnisse zu erlangen, wurde die Stressreaktion der Rehe erforscht. Für die vorliegende Untersuchung wurden zwischen Januar und März 2012 im „Nationalpark Bayerischer Wald“ 18 Rehe an Futterstellen angelockt und mit Kastenfallen gefangen. Das Verhalten während der Gefangenschaft wurde mit einer Infrarotkamera aufgezeichnet und mittels „time-sampling“ Methode ausgewertet. Nach Sonnenaufgang wurden die Tiere aus der Falle geholt und mittels einer Ohrmarke gekennzeichnet. Blutproben, Kotproben, Körpertemperatur, Herzfrequenz und Atemfrequenz sollten Aufschluss über eine mögliche Stressreaktion der Tiere liefern. Die Glucocorticoidmetabolitkonzentrationen in Kotproben, die aus der Falle gewonnen wurden, wurden mit rektal entnommenen Proben verglichen. Kurz vor Freilassung wurden erwachsene Tiere mit einem GPS-Halsband „besendert“. Dies lieferte Hinweise, wie sich das Rehwild nach Freilassung im räumlichen Bezug zur Falle verhielt und ob ein „Meiden“ der Falle zu beobachten ist. Zudem wurden Aktivitätsdaten von im Winter 2009/2010 freigelassenen Rehen auf Unterschiede im Verhalten nach dem Fang analysiert. Die gewonnenen Daten wurden vom statistischen Beratungslabor der LMU München ausgewertet. Diverse Tests lieferten statistische Ergebnisse, die Rückschlüsse auf die Höhe der ausgelösten Stressreaktion beim Reh zulassen. Die Tiere der Versuchsreihe zeigen bei allen Untersuchungsmethoden große individuelle Unterschiede. Die Videoanalyse mittels „time-sampling“ belegt, dass wenige Rehe erhebliche Anzeichen von Stress während der Gefangenschaft zeigen, der überwiegende Anteil der Tiere jedoch sich nach kurzer Zeit beruhigt und keine Anzeichen eines erhöhten Stresslevels aufweist. Herzfrequenz, Atemfrequenz, Körpertemperatur und Blutwerte weisen ebenfalls erhebliche individuelle Unterschiede auf, die nur in Einzelfällen auf hohen Stress für das Tier hindeuten. Generell ist der Anstieg der Cortisolmetaboliten im Kot nur gering. Wenige Tiere zeigen einen erhöhten Anstieg. Dieser liegt jedoch deutlich unter den in der Literatur beschriebenen Werten, die nach stressauslösenden Ereignissen beim Reh gemessen wurden. Mit Hilfe der Analyse der Aktivitätsdaten lässt sich belegen, wie sich das Verhalten der Tiere nach wenigen Stunden nach der Freilassung normalisiert und statistisch ab dem zweiten Tag nach dem Fang im Vergleich zu Tag 3-20 nach dem Fang nicht unterscheidet. Wie die Darstellung der Streifgebiete offenbart, suchen fünf Rehe nach dem Fang Rückzugsgebiete auf, die sie mehrere Tage nicht verlassen. Anhand der errechneten Distanzen konnte belegt werden, dass die Tiere die Falle an Tag 1 bis 5 in Vergleich zu Tag 6 bis 20 meiden (p=0,03782). Die Untersuchung der Stressbelastung zeigt, dass der Fang der Rehe zu wissenschaftlichen Zwecken, trotz großer individueller Unterschiede, nur mit vergleichsweise geringem Stress für das Tier verbunden ist, wenn ein professionelles, erfahrenes Team die Fangaktionen durchführt. In der Zeit der Gefangenschaft beruhigt sich das Reh nach kurzer Zeit bis zur Zeit der Morgendämmerung. Ausbruchsversuche sind selten und finden nur vermehrt in der Zeit statt, in der Menschen an die Falle herantreten. Das Handling stellt den größten Stressor für das Reh dar. Es ist darauf zu achten, dass die Dauer möglichst kurz ist. Die muskuläre Belastung in dieser Zeit ist hoch. Die Punktion der Vene und das Markieren mit einer Ohrmarke fügen dem Tier Schmerzen zu. Der Vergleich zwischen erstmals gefangenen Tieren und Wiederfängen deutet darauf hin, dass ein gewisser „Lerneffekt“ eintritt. Mit Hilfe technischer Hilfsmittel wie dem Fallensender und sorgfältiger Planung des Versuchsaufbaus können Verletzungen und Leiden des Tieres verringert, jedoch nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Abstract

For decades, boxtraps have been used for roe deer research in Europe in order to get insight into the role of the roe deer in its natural habitat, predator-prey relationships, damage to seedlings caused by browsing as well as the endangerment of traffic. In recent years, GPS- collars have proved valuable for analyzing movement patterns of deer, but for this purpose deer had to be captured and manipulated. Since capturing is always unnatural for wildlife, this procedure was classified as ‘strongly straining’ and is, according to §8 section 1 German Protection of Animals Act, subject to approval. However, no investigations of stress in roe deer during capture in box traps have been carried out up to now. For this research project, 18 roe deer were attracted at feeding grounds and captured between January and March 2012 in the ‘Bavarian Forest National Park’. The behaviour during captivity in box traps was recorded with infrared cameras and evaluated using time sampling methods. After sunrise, animals were removed from the traps and labeled with ear tags. Blood samples, fecal samples, body temperature as well as heart and breathing frequency were measured to get information on potential stress reactions. The glucocorticoid metabolite concentrations in fecal samples from the box trap were compared to rectal fecal samples. Shortly before release, adult individuals were equipped with GPS collars. This approach provides data on territorial behavior of the animal with regard to the box location and gives information on possible ‘avoidance’ of the trap. Additionally, activity data of released roe deer from winter 2009 / 2010 was analyzed with respect to behavioural changes after captivity. The animals observed in this study showed within all applied methods strong individual differences. Video analysis using time sampling proved that only few roe deer exhibited significant signs of stress during captivity; the majority of animals calmed down after only a short period of time and did not exhibit signs of an increased stress level. Heart frequency, breathing frequency, body temperature and blood levels also showed strong individual differences with hints of high stress levels in only few individual cases. Analysis of the activity data proved that animal behavior normalized after a few hours and did not statistically change anymore between the first two days and days 3-20 after capture. The mapping of home range areas displayed that five individuals frequently retreated where they remained for several days. The calculated distances proved that animals avoided the trap area on days 1-5 compared to days 6-20 (p=0.03782). The investigations showed that, despite of tremendous individual differences, capture for scientific research only exerts relatively low stress on roe deer, if it is executed by experienced professionals. During captivity, roe deer calmed down after a short time until the break of dawn when they became more active again. Escape attempts only occurred rarely and mainly if humans were in close to the trap. The most significant stressor for deer seems to be the handling, which should be reduced to a minimum. During this, muscular stress is high and punctuation of the veins and attachment of ear tags cause pain. A comparison between newly and repeatedly captured roe deer indicated that the animals are subject to a learning effect. Support by technical equipment such as trap emitters and careful design of the experiment can reduce but not completely rule out injuries and distress of the animals.