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Aspekte seelischer Gesundheit im Kleinkindalter. Entwicklung und Validierung eines Screening-Instruments zur Früherkennung von Entwicklungsauffälligkeiten
Aspekte seelischer Gesundheit im Kleinkindalter. Entwicklung und Validierung eines Screening-Instruments zur Früherkennung von Entwicklungsauffälligkeiten
Die Bedeutung der seelischen Gesundheit in der frühen Kindheit für die Persönlichkeitsentwicklung ist seit Jahrzehnten unbestritten. Speziell im Laufe der ersten drei Lebensjahre entwickelt sich im Zuge der Selbstentwicklung des Kindes eine Grundmatrix an wichtigen Verhaltensmustern und sozial-emotionalen Kompetenzen, die mit einer Fülle von positiven Entwicklungskonsequenzen assoziiert sind. Dabei vollzieht sich die kindliche sozial-emotionale Entwicklung in einem komplexen, dynamischen System verschiedener Einflussfaktoren und -ebenen. Primär sind frühe Sozialisationserfahrungen, speziell die Eltern-Kind-Beziehungsqualität, entscheidend für die Entwicklung einer stabilen psychischen Selbststruktur. Im Kleinkindalter sind zudem verschiedene Entwicklungsherausforderungen zu bewältigen, allen voran eine hinreichende Selbstregulation und eine gelingende Balance zwischen Bindungsbedürfnissen und Autonomiestreben. Dennoch sind auch schon früh interindividuelle Unterschiede bzgl. verschiedenen Verhaltensaspekten und sozial- emotionalen Kompetenzen zu beobachten, die sich in selbstregulative, externalisierende, internalisierende und Kompetenzaspekte unterteilen lassen. Daher ist ein frühkindliches Screening von möglichen Entwicklungsrisiken und Auffälligkeiten als auch Defiziten bei der Kompetenzentwicklung bedeutend für die Prävention von psychischen Störungen. Die Prävalenzen von kleinkindlichen klinisch-relevanten Auffälligen liegen um die 15-20% (Fegert, 1996; Skovgaard et al., 2007) und sind oft nicht transient (Briggs-Gowan, Carter, Bosson-Heenan, Guyer, & Horwitz, 2006). Allerdings mangelt es im deutschsprachigen Raum an einfach einsetzbaren, ökonomischen sowie validen und reliablen Screening-Instrumenten (Kullik & Petermann, 2011; Petermann & Wiedebusch, 2002, 2008; Wiedebusch & Petermann, 2006). Das vorliegende Forschungsvorhaben hatte die Entwicklung des Seelische Gesundheit im Kleinkindalter Screeners (SGKS) zum Ziel, das diesem Mangel Abhilfe schaffen sollte. Dazu wurde ein mehrstufiger Entwicklungsansatz gewählt. Ein erster Fragebogenentwurf mit 151 Items wurde unter Nutzung verschiedener Strategien durch die Sichtung der entwicklungspsychologisch-klinischen Literatur und vorhandener Instrumente entworfen und entsprechende Items inhaltsvalide operationalisiert. In Studie 1 wurde dieser im Rahmen einer Online-Erhebung anhand von 466 Elternauskünften pilotiert. Die explorative Faktorenanalyse konnte eine erste faktorielle Validität belegen. Die Itemselektion führte zu einer Itemreduktion auf 90 Items. Studie 2 hatte zum Ziel die Konstrukt- und Kriteriumsvalidität des Fragebogens zu untersuchen und zu einer finalen Itemselektion zu führen. Anhand einer neuen Stichprobe von N = 375 konnten die Analysen eine faktorielle Validität und die inhaltsvalide Bildung von Sub- und Metaskalen bestätigen, wobei vor allem dem Aspekt der Emotionsregulation eine wichtige Bedeutung für die kleinkindliche seelische Gesundheit zukommt. Zudem wurden erwartungskonforme Zusammenhänge mit den Skalen der Child Behavior Checklist 1 1⁄2-5 gefunden, was die Konstruktvalidität untermauerte. Ebenso konnte eine gute differenzielle Validität erwiesen werden, da alle Skalen signifikant zwischen einer klinischen und nicht- klinischen Stichprobe unterschieden. Auch wies die Gesamtskala eine gute Sensitivität von 83% und eine adäquate Spezifität von 70% aus. Inhaltliche Untersuchungen zu Altersunterschieden konnten vor allem Zugewinne im Rahmen der Kompetenzentwicklung aufzeigen. Geschlechtsunterschiede zeigten sich konsistent mit vorheriger Forschung, als dass Jungen mehr externalisierendes Verhalten und Mädchen mehr sozial-emotionale Kompetenzen zugeschrieben wurde. Zudem wurden in Studie 3 die Beurteilungsübereinstimmungen von Eltern und Erziehern sowohl auf Item- als auch Skalen-Ebene untersucht. Die Übereinstimmung lag im Mittel bei ICC = .295 und ist konsistent mit bisherigen Befunden. In Studie 4 wurde die Stabilität der Skalen über fünf Monate untersucht, welche auf der Gesamtskala eine Stabilität von ICC = .81 aufwies und als reliabel eingeschätzt werden kann. Eine frühe Identifizierung von Entwicklungsauffälligkeiten und darauf aufbauende Prävention und gegebenenfalls Intervention in Form von z.B. Eltern-Kleinkind- Beratung ist von hoher Bedeutung, um der Chronifizierung von Problematiken vorzubeugen. Eine frühzeitige Intervention verspricht zudem aufgrund der hohen Entwicklungsdynamik der frühen Kindheit hohe Erfolgsraten (Cierpka, 2012). Die seelische Gesundheit im Kleinkindalter legt die Grundsteine für spätere psychische Resilienz und positive Entwicklung und ist gesellschaftspolitisch von höchster Relevanz. Insgesamt schließen die Ergebnisse auf eine vorläufige gute Validität und Reliabilität des SGKS, womit dem deutschsprachigen Raum erstmals ein hierzulande empirisch validierter Screening-Fragebogen für das Kleinkindalter (12-36 Monate) zur Verfügung steht.
Seelische Gesundheit im Kleinkindalter, sozial-emotionale Entwicklung 0-3 Jahre; Screening-Instrument
Bartel, Eva
2014
Deutsch
Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München
Bartel, Eva (2014): Aspekte seelischer Gesundheit im Kleinkindalter: Entwicklung und Validierung eines Screening-Instruments zur Früherkennung von Entwicklungsauffälligkeiten. Dissertation, LMU München: Fakultät für Psychologie und Pädagogik
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Abstract

Die Bedeutung der seelischen Gesundheit in der frühen Kindheit für die Persönlichkeitsentwicklung ist seit Jahrzehnten unbestritten. Speziell im Laufe der ersten drei Lebensjahre entwickelt sich im Zuge der Selbstentwicklung des Kindes eine Grundmatrix an wichtigen Verhaltensmustern und sozial-emotionalen Kompetenzen, die mit einer Fülle von positiven Entwicklungskonsequenzen assoziiert sind. Dabei vollzieht sich die kindliche sozial-emotionale Entwicklung in einem komplexen, dynamischen System verschiedener Einflussfaktoren und -ebenen. Primär sind frühe Sozialisationserfahrungen, speziell die Eltern-Kind-Beziehungsqualität, entscheidend für die Entwicklung einer stabilen psychischen Selbststruktur. Im Kleinkindalter sind zudem verschiedene Entwicklungsherausforderungen zu bewältigen, allen voran eine hinreichende Selbstregulation und eine gelingende Balance zwischen Bindungsbedürfnissen und Autonomiestreben. Dennoch sind auch schon früh interindividuelle Unterschiede bzgl. verschiedenen Verhaltensaspekten und sozial- emotionalen Kompetenzen zu beobachten, die sich in selbstregulative, externalisierende, internalisierende und Kompetenzaspekte unterteilen lassen. Daher ist ein frühkindliches Screening von möglichen Entwicklungsrisiken und Auffälligkeiten als auch Defiziten bei der Kompetenzentwicklung bedeutend für die Prävention von psychischen Störungen. Die Prävalenzen von kleinkindlichen klinisch-relevanten Auffälligen liegen um die 15-20% (Fegert, 1996; Skovgaard et al., 2007) und sind oft nicht transient (Briggs-Gowan, Carter, Bosson-Heenan, Guyer, & Horwitz, 2006). Allerdings mangelt es im deutschsprachigen Raum an einfach einsetzbaren, ökonomischen sowie validen und reliablen Screening-Instrumenten (Kullik & Petermann, 2011; Petermann & Wiedebusch, 2002, 2008; Wiedebusch & Petermann, 2006). Das vorliegende Forschungsvorhaben hatte die Entwicklung des Seelische Gesundheit im Kleinkindalter Screeners (SGKS) zum Ziel, das diesem Mangel Abhilfe schaffen sollte. Dazu wurde ein mehrstufiger Entwicklungsansatz gewählt. Ein erster Fragebogenentwurf mit 151 Items wurde unter Nutzung verschiedener Strategien durch die Sichtung der entwicklungspsychologisch-klinischen Literatur und vorhandener Instrumente entworfen und entsprechende Items inhaltsvalide operationalisiert. In Studie 1 wurde dieser im Rahmen einer Online-Erhebung anhand von 466 Elternauskünften pilotiert. Die explorative Faktorenanalyse konnte eine erste faktorielle Validität belegen. Die Itemselektion führte zu einer Itemreduktion auf 90 Items. Studie 2 hatte zum Ziel die Konstrukt- und Kriteriumsvalidität des Fragebogens zu untersuchen und zu einer finalen Itemselektion zu führen. Anhand einer neuen Stichprobe von N = 375 konnten die Analysen eine faktorielle Validität und die inhaltsvalide Bildung von Sub- und Metaskalen bestätigen, wobei vor allem dem Aspekt der Emotionsregulation eine wichtige Bedeutung für die kleinkindliche seelische Gesundheit zukommt. Zudem wurden erwartungskonforme Zusammenhänge mit den Skalen der Child Behavior Checklist 1 1⁄2-5 gefunden, was die Konstruktvalidität untermauerte. Ebenso konnte eine gute differenzielle Validität erwiesen werden, da alle Skalen signifikant zwischen einer klinischen und nicht- klinischen Stichprobe unterschieden. Auch wies die Gesamtskala eine gute Sensitivität von 83% und eine adäquate Spezifität von 70% aus. Inhaltliche Untersuchungen zu Altersunterschieden konnten vor allem Zugewinne im Rahmen der Kompetenzentwicklung aufzeigen. Geschlechtsunterschiede zeigten sich konsistent mit vorheriger Forschung, als dass Jungen mehr externalisierendes Verhalten und Mädchen mehr sozial-emotionale Kompetenzen zugeschrieben wurde. Zudem wurden in Studie 3 die Beurteilungsübereinstimmungen von Eltern und Erziehern sowohl auf Item- als auch Skalen-Ebene untersucht. Die Übereinstimmung lag im Mittel bei ICC = .295 und ist konsistent mit bisherigen Befunden. In Studie 4 wurde die Stabilität der Skalen über fünf Monate untersucht, welche auf der Gesamtskala eine Stabilität von ICC = .81 aufwies und als reliabel eingeschätzt werden kann. Eine frühe Identifizierung von Entwicklungsauffälligkeiten und darauf aufbauende Prävention und gegebenenfalls Intervention in Form von z.B. Eltern-Kleinkind- Beratung ist von hoher Bedeutung, um der Chronifizierung von Problematiken vorzubeugen. Eine frühzeitige Intervention verspricht zudem aufgrund der hohen Entwicklungsdynamik der frühen Kindheit hohe Erfolgsraten (Cierpka, 2012). Die seelische Gesundheit im Kleinkindalter legt die Grundsteine für spätere psychische Resilienz und positive Entwicklung und ist gesellschaftspolitisch von höchster Relevanz. Insgesamt schließen die Ergebnisse auf eine vorläufige gute Validität und Reliabilität des SGKS, womit dem deutschsprachigen Raum erstmals ein hierzulande empirisch validierter Screening-Fragebogen für das Kleinkindalter (12-36 Monate) zur Verfügung steht.