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Deger, Leopold (2016): Status-Quo-Analyse der Herdengesundheit und –fruchtbarkeit in ökologisch geführten bayerischen Milchviehbetrieben. Dissertation, LMU München: Tierärztliche Fakultät
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Abstract

Die Anzahl und Größe der ökologischen Milchviehbetriebe in Bayern nimmt seit Jahren stetig zu; derzeit liegt der Anteil bei etwa 5 %. Hiervon sind über 95 % in einem der vier großen Anbauverbände BIOLAND (38 %), NATURLAND (35 %), BIOKREIS (13 %) und DEMETER (10 %) organisiert. Die Besonderheiten dieses Produktionsverfahrens ergeben sich aus den Vorgaben nationaler und internationaler Gesetzgebungen, aber auch der Anbauverbände und resultieren insbesondere im speziellen Management der Haltung und Fütterung der Tiere. Unterschiede im Krankheits- und Fruchtbarkeitsgeschehen im Vergleich zu konventionellen Milchviehbetrieben sind damit vorstellbar, die wiederum Konsequenzen für das tierärztliche Vorgehen haben könnten. Entsprechende Daten sind für die Situation in Bayern bisher nicht erhoben worden. Ziel der Arbeit war es daher, den Ist-Zustand der Herdengesundheit und -fruchtbarkeit in bayerischen Ökomilchviehbetrieben zu ermitteln. Neben dem Informationsgehalt für die praktizierenden Tierärzte sollen die Daten auch als Grundlage für die studentische Ausbildung im Bereich der veterinärmedizinischen Betreuung von Ökomilchviehbetrieben dienen. Die Datenerfassung im Forschungsvorhaben fand auf drei Ebenen statt: 1. Aus dem Jahresbericht 2013 des LKV (Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung in Bayern e.V.) wurden einerseits die Parameter mit Bezug zu Herdengesundheit und –fruchtbarkeit und andererseits die Abgangsursachen der Tiere aller 1.177 LKV-Ökomilchviehbetriebe mit ca. 46.000 Milchkühen ausgewertet und mit Daten der 24.000 konventionellen LKV-Betrieben verglichen (ca. 1 Mio. Kühe). Das LKV erfasst die Daten von etwa 83 % der Milchkühe in Bayern. 2. Fragebogenuntersuchung: Im zweiten Schritt wurden etwa 800 Fragebögen mit Fragen zu LKV-Daten und zum Herdenmanagement an ökologische LKV-Betriebe verschickt. Außerdem wurde eine Selbsteinschätzung zu Gesundheits- und Fruchtbarkeitsstatus erbeten. Der Rücklauf betrug 164 Fragebögen (21 %). 3. Datenerhebung durch Betriebsbesuche: In 22 Betriebe, ausgewählt aus allen ökologischen Anbauverbänden und paritätisch aus den Regierungsbezirken Bayerns, wurde zweimal im Abstand von sechs Monaten im Rahmen von bestandsdiagnostischen Besuchen mithilfe verschiedener Score-Systeme die Gesundheits- und Fruchtbarkeitssituation bewertet. Im zwischenzeitlichen Beobachtungszeitraum dokumentierten die Betriebsleiter Gesundheitsstörungen und Fruchtbarkeitsparameter mit Hilfe eines Dokumentationsbogens. Die Öko-Landwirte schätzen Gesundheit und Fruchtbarkeit in ihren Herden, auch im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft, tendenziell positiv ein. In der Datenauswertung stellte sich die Herdengesundheit und –fruchtbarkeit in Ökomilchviehbetrieben allerdings nur geringgradig besser als in konventionellen Betrieben dar. Die Tiere werden allerdings neun Monate älter, und die Betriebe wiesen eine um 1 % niedrigere Abgangsrate auf. Die Hauptproblemfelder liegen analog der konventionellen Landwirtschaft meist in den Bereichen Eutergesundheit, Fruchtbarkeitsproblemen und Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen. In den Öko-Betrieben traten bei durchschnittlich 1.300 kg/Kuh/Jahr geringerer Milchleistung als in konventionellen Betrieben nur vereinzelt Stoffwechselstörungen auf. Der Vergleich der Fruchtbarkeitskennzahlen ergab auf allen drei Datenerfassungsebenen keine relevanten Besonderheiten im Ökolandbau. So war die ZKZ mit 399 Tagen in den Öko-Betrieben um sechs Tage länger als bei den konventionellen Betrieben. Dabei zeigte sich jedoch, dass die einzelbetrieblichen Unterschiede deutlich höher als bei den Mittelwertsvergleichen zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft lagen. Die Spurenelementversorgung der Tiere ist häufig mangelhaft: 2/3 der Kühe war defizitär mit Kupfer und Selen versorgt; 1/5 zeigte zu geringe Zinkblutwerte. In etwa 45 % der Öko-Betriebe wurde Fasciola hepatica-Befall nachgewiesen. Die Öko-Landwirte wünschen den Einsatz von Naturheilverfahren, besonders der Homöopathie. Grundkenntnisse in diesen Therapieformen würden dem Praktizierenden Tierarzt insofern helfen, diesem Bedarf gerecht zu werden und Laienbehandlungen vorzubeugen. Das Potential für eine gezielte bestandsbetreuerische Tätigkeit ist in Öko-Betrieben vorhanden. Die Tierhalter haben zwar ein Bewusstsein für die Hauptproblemfelder in ihren Bestrieben, Veränderungen sind jedoch meist nur durch eine kompetente betriebsspezifische Beratung herbeizuführen. Aus-, Fort- und Weiterbildung müssen in diesem Bereich verbessert werden. Der Forschungsbedarf im Bereich „Tiermedizin in der ökologischen Landwirtschaft“ ist umfangreich. In Konsequenz der vorgestellten Resultate ist eine Untersuchung der Zusammenhänge von Stoffwechsel- und Leistungsparametern der ökologisch gehaltenen Transitkuh und Effekte auf die Tiergesundheit als besonders dringend zu bewerten. Ursachen und Verbreitung von Spurenelementmangelzuständen und Leberegelbefall in den ökologischen Herden in Bayern sind weitere potentielle Forschungsfelder.