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Urquiza, Anahi (2014): Chilean model of water management in context of water stress: sociocultural conditions and vulnerability to climate change. Dissertation, LMU München: Sozialwissenschaftliche Fakultät
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Abstract

Chile hat eine privilegierte Frischwasserverfügbarkeit im Vergleich zu anderen Ländern in Lateinamerika aber seine Ressourcen sind ungleich verteilt. Die Hauptstadt Santiago befindet sich fast in der geographischen Mitte des Landes und kann von reichen Wasserreserven schöpfen. Im Norden Chiles ist der Zugang zu frischem Wasser stark begrenzt und es gibt eine offensichtliche Situation von Wasserstress. Im Süden des Landes hingegen gibt es eine reichliche Frischwasserverfügbarkeit. Jedoch sind es der Bergbau und die intensive landwirtschaftlichen Aktivitäten im Norden und im Zentrum des Landes, die zu einem höheren Frischwasserverbrauch führen . Zudem wird Chile aufgrund seiner klimatischen, geographischen und wirtschaftlichen Bedingungen als sehr anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels identifiziert. Die mögliche Erhöhung der Temperaturen und der Rückgang der Niederschlagsmenge haben einen wichtigen Einfluss auf die Frischwasserverfügbarkeit.. Der Zugang zu Wasserressourcen in Chile ist durch einen sogenannten Wassermarkt verwaltet. Wasserressourcen wird hier also zur ökonomischen und von Angebot und Nachfrage auf dem freien Markt definiert. Der institutionelle Rahmen für diesen Markt ist das Wassergesetzbuch von 1981, das besagt, dass das Wasser unabhängig vom Besitz eines Stück Landes gehandelt werden kann. Eine Reihe von Schwierigkeiten sind in diesem institutionellen Rahmen identifiziert worden, trotzdem zielte die einzige Reform des Wassergesetzbuches (im Jahr 2005) lediglich darauf, die Bedingungen für das Funktionieren des Marktes zu verbessern. Darüber hinaus gibt es noch Projekte zur Entwicklung von Wassermärkten in anderen Wassereinzugsgebieten, wo dieses Modell nicht aktiv daran arbeitet. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß es auch gilt die sozialen und kulturellen Bedingungen des Wassermanagements, die Verwundbarkeit der Bauern und die Anpassungsmöglichkeiten an die Auswirkungen des Klimawandel im Kontext zu verstehen. Meine zentrale Forschungsfrage lautet daher: Welche Voraussetzungenlassen sich im chilenischen Modell des Wassermanagements finden, um Wasserstresssituationen zu bekämpfen? Um diese Frage zu beantworten, wurde die Forschung im sogenannten "Limarí Becken" durchgeführt, einer Region mit einem sehr aktiven Wassermarkt die sich gleichzeitig in einer Wasserstresssituation befindet. Im Limarí Becken wird das sogenannte "Paloma System" angewandt. Dieses System besteht aus einem Netz von Kanälen und Stauseen, die die Speicherung und Verteilung von Frischwasser ermöglichen, und Bedingungen für einen sehr aktiven Wassermarkt erzeugen. Da die Ressource in diesem Becken ein knappes Gut ist, erhält sie einen großen wirtschaftlichen Wert, was den Wettbewerb für diese Ressource unter den Nutzern verstärkt. Das Paloma System reguliert den Zugang zu Wasserressourcen der neun Benutzerorganisationen mit einem innovativen Operationssystem. Es verwaltet die Ressource Wasser anhand von drei Stauseen und ermöglicht Transaktionen von Wasserrechten und Wassermengen, Überweisungen, Leasing und Krediten. Im Rahmen der Forschung wurden wie folgt vorgegangen: semi-strukturierten Interviews (52), Gruppeninterviews (3) und ethnographische Beobachtungen, die mithilfe des Software Atlas.ti analysiert wurden. Die Befragten wurden durch ein „Structural Sampling“ ausgewählt, in dem Mitglieder von verschiedene Organisationen (Regierung, Zivilgesellschaft, Experten und Bewässerungsverbände) und Bauern verschiedener Art (kleine, mittlere und große Landwirte und landwirtschaftlichen Unternehmen) identifiziert wurden. Den theoretischen Rahmen der Analyse der empirischen Daten bildet der Sozial-ökologische System Ansatz, der besonders auf Begriffe wie Verletzlichkeit, Resilienz und soziales Lernen eingeht. Für die Widerstandsfähigkeit des Paloma Systems sind bestimmte Elemente zu identifizieren: • Flexibilität: Eigentumsrechte und Wasserinfrastruktur ermöglichen große Flexibilität in dem Becken. Jedoch wurde diese Flexibilität aufgrund der Reduzierung der Kulturpflanzenvielfalt und Konzentration des Eigentums auf einige wenige verringert. • Konnektivität: Nutzerorganisationen sind in der Regel gut angesehen, aber einige Geschäftsführer in Verdacht aufgrund ihrer Aktienanteile ausgewählt worden zu sein. Gleichzeitig gibt es einen allgemeinen Rückgang der horizontalen Kooperationen, so dass fast nur die Unterstützung durch die familiäre Netze bleibt. Die vertikale Kooperation von lokalen, regionalen und nationalen Organisationen birgt gravierende Einschränkungen, vor allem in Bezug auf den Austausch zwischen Gemeinden und regionalen Behörden. • Sozial-Ökologisches Gedächtnis: Zum einen hat das traditionelle Wissen über Grundwasserneubildung deutlich an Bedeutung verloren, zum anderen gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den Bauern in Bezug bei der Identifizierung der Ursache des Wasserstress (Die Ursache wird in entweder dem Becken oder in anderen Teilen des Landes identifiziert). • Selbstorganisation: Durch den Verlust des sozial-ökologischen Gedächtnisses und aufgrund der fehlenden Konnektivität zwischen lokalen und nationalen Organisationen, scheint die Möglichkeit Änderungen an den Eigentumsverhältnissen oder am Wassermanagement vorzunehmen minimal. Darüber hinaus wird in Bezug auf die Anpassungsfähigkeit an Wasserstress das Folgende deutlich: • Identifizierung von Bedrohung: Konstante Dürren werden als Teil des normalen Verhaltens des Beckens identifiziert, und nur sehr wenige erkennen darin den Klimawandel. Von Seiten der Regierung wurden einige Initiativen offiziell gegründet, aber nicht wirklich ernst genommen. • Steuerungskapazität: Scheint für die ersten drei Jahre der Dürre angepasst dank der Kapazität der Stauseen und Kanäle. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass das Becken länger nutzbar ist. • Wiederherstellungsleistung: Ist sehr begrenzt, weil der Verbrauch von Wasser intensiver und die Plantagen umfangreicher geworden sind. Da es keine Regelungen für diese Probleme gibt, werden sogar nicht so schwerwiegende Dürren schwierige und lang anhaltende Auswirkungen haben. • Fähigkeit zur Selbstmodifikation: Auf lokaler Ebene besteht hierfür eine große Chance; Bewässerungsverbände haben einige wichtige Vorschriften eingearbeitet. Andererseits sind die landesweiten Möglichkeiten begrenzt; nach 12 Jahren politischer Diskussionen wurden nur kleinere Änderungen im Wassergesetzbuch implementiert und weitergehende Reformen scheinen wenig aussichtsreich. Dieses Chilenische Modell hat gravierende Auswirkungen auf das soziale Gerechtigkeitsgefüge, weil es den Zugang zu Wasserressourcen für die bäuerliche Landwirtschaft und kleinere Produzenten erschwert, und die Verbesserungen der Lebensbedingungen in ländlichen Armutsgebieten erschwert. Die Beteiligung dieses Sektors am Wassermarkt ist stark eingeschränkt, sowohl in Bezug auf den Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen als auch zu Informationen. In der Regel sind die Möglichkeiten mit Wasserknappheit umzugehen bei den Landwirten sehr ungleich verteilt. Während der Marktmechanismus gut für mittlere und große Bauern funktioniert, weil sie bei Bedarf Wasser kaufen, profitieren Kleinbauern wegen der hohen Preise nur selten oder gar nicht davon. Dennoch ist es möglich, dass sie ihr Wasserrechte verkaufen und auf diese Weise trotz ihrer prekären Situation ein Einkommen in Dürrejahren haben. Das chilenische Modell des Wassermanagements hat eine begrenzte Anpassungskapazität für Situationen der Wasserknappheit und Klimawandel. Die wichtigste Einschränkung ist die geringe Kapazität für soziales Lernen und somit die Unfähigkeit langfristige Folgen der getroffenen Entscheidungen zu berücksichtigen. Dies beeinflusst die Widerstandsfähigkeit des Systems und damit auch seine Fähigkeit sich anzupassen.

Abstract

Chile has privileged fresh water availability compared with other countries, but its resources are unevenly distributed through the country. The capital, Santiago, is located at the center of the country. While access to fresh water is limited and there is evident water stress from Santiago to the North, the availability of fresh water in southern Chile is abundant. Yet, mainly due to mining and agricultural activities, its use is more intensive in the north and center of the country. At the same time, Chile is highly vulnerable to the effects of climate change due to its climatic, geographical, and economic conditions. Possible increases in temperature and decreases in rainfall can have an important impact on fresh water availability, affecting an important part of the Chilean territory. Access to water resources in Chile is managed by a so-called water market in which water resources are a commodity subject to the forces of supply and demand, based on a free-market regime that regulates the use and consumption of national resources. The institutional framework for this market is a legal document called the Water Code (Código de Aguas, enacted in 1981), which states that water can be traded independently of the ownership of the land. A number of difficulties have been identified with this institutional framework, but the only significant reform to the Water Code (enacted in 2005) was merely intended to improve conditions for the functioning of the market. Moreover, there are ongoing projects to develop water markets in other watersheds where this system is not yet operative. From this background, it is essential to understand the social and cultural conditions related to water management, the vulnerability of farmers, and possible adaptations to the effects of climate change. The central research question is: what conditions are present in the Chilean model of water management in order to address situations of water stress? To answer this question, I have performed my research in the Limarí basin, where the water market is active and there is an ongoing situation of water stress. In the Limarí basin, the so-called “Paloma System” is operational. This system consists of a network of canals and reservoirs that allows fresh water to be stored and distributed, generating conditions to maintain a highly active water market. Since water is a scarce commodity in the Limarí basin, it acquires great economic value, generating strong competition among users. The Paloma System regulates the access to water resources of nine user organizations with an innovative operating system that manages resources from three reservoirs and enables transactions involving water rights and volumes, in addition to transfers, leases, and loans of water volumes. The investigation techniques used in carrying out the research were: semi-structured interviews (52), group interviews (3), ethnographic observation, and analysis using ATLAS.ti. The interviewees were selected through structural sampling, which identifies people representing different organizations (government, civil society, experts, and irrigator associations) and farmers of different types (small, medium and large-scale farmers and agricultural companies). The theoretical tools used to analyze the empirical data are based on socio-ecological systems and their applications to the notions of vulnerability, resilience and social learning. From the analysis, it is possible to identify elements relevant to the resilience of the system:  Flexibility: Property rights and water infrastructure allow great plasticity in the basin, meaning resources shift to where their use is more efficient. However, due to the reduction of crop diversity and the concentration of property, this flexibility has decreased.  Connectivity: User organizations are well evaluated in general. However, there is suspicion of some leaders because the directors are chosen in relation to the proportion of shares. There is generally a parallel decrease of horizontal collaborations, leaving only some family support. Vertical collaboration, which refers to the relationship between local, regional, and national organizations, has serious limitations, especially in the relationship between communities and regional authorities.  Socio-ecological memory: On one hand, it is possible to identify a significant loss of ancestral knowledge of groundwater recharge. On the other, farmers may face significant differences in addressing the problems of water stress depending on their origin (from the basin or other parts of the country).  Self-organization: Due to the loss of social-ecological memory and the lack of connectivity between local and national organizations, there appears to be a minimal ability to deal with modifications in ownership structures or water management. Moreover, in relation to adaptability to water stress, one can state the following:  Identification of threat: Constant droughts are identified as part of the normal behavior of the basin and only very few informants identified climate change as a threat. At governmental level, a few formal initiatives have been formally established, but the issue has not been taken seriously.  Control capacity: It seems to be well matched for the first three years of drought, thanks to the capacity of reservoirs. However there is not control capacity in the long term.  Recovery capacity: This is very limited due to the increasingly intensive use of water and more extensive plantations. There is no regulation on this issue, so the effects of milder droughts are more severe and widespread.  Self-modification ability: Locally this capacity is relatively good. Irrigator organizations have incorporated some important regulations. Nationally, however, capacity is very low. After 12 years of discussion, only minor modifications have been made to the Water Code and there is no prospect of more in-depth reform. This model has a serious impact on social equality, because it does not facilitate access to water resources for peasant farmers and small producers, thus hindering the improvement of living conditions in poor rural areas. The participation of this sector in the water market is limited, due to restricted access to economic resources and lack of information. In general, the potential for farmers to deal with water scarcity is very unevenly distributed. The market is useful for medium- and large-scale farmers, but not for small farmers. The former have the ability to buy water when required, while the latter cannot access it due to high prices. Nevertheless, the market allows small farmers to sell their water instead of cultivating and in this manner they can receive some income in drought years, although in a very precarious situation. The Chilean model has a limited capacity to adapt to situations of water scarcity and to the challenges of climate change. The main limitation is a low capacity for social learning and inability to consider the long-term consequences of decisions. This significantly affects the resilience of the system and therefore also its ability to adapt.