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Gerstenhöfer, Anna (2007): Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Medikamentenverordnung in der Sekundärprophylaxe der koronaren Herzkrankheit: Erhalten Frauen eine ihrem Risikoprofil angemessene pharmakologische Therapie?. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Abstract

Gegenstand der Untersuchung sind etwaige geschlechtsspezifische Unterschiede bei der medikamentösen Sekundärprophylaxe der koronaren Herzkrankheit. Ergebnisse bisheriger Forschung weisen auf eine Minderversorgung der Frauen und eine dadurch ineffizientere Prophylaxe koronarer Ereignisse hin. Im Rahmen der prospektiven Follow-up-Studie zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der kardialen Rehabilitation [20] wurden an drei beteiligten Rehabilitationskliniken (LVAKliniken Höhenried und Bad Wörishofen, Privatklinik Lauterbacher Mühle, Bayern) 510 Patienten unter 75 Jahren, darunter 201 Frauen, mit Zustand nach erstem Myokardinfarkt oder angiographisch gesichertem, akuten koronaren Erstereignis rekrutiert. Zu Anfang, am Ende und 1,5 Jahre nach der stationären Rehabilitationsmaßnahme wurden unter anderem Daten zur pharmakologischen Therapie erhoben. Diese ermöglichen Rückschlüsse auf das ärztliche Verordnungsverhalten gegenüber Frauen und Männern im Akutkrankenhaus, in der Rehabilitationsklinik sowie im niedergelassenen Bereich. Angaben zu Begleiterkrankungen wurden ebenso wie zahlreiche weitere Einflussfaktoren der Medikamentenverschreibung bei der Datenerhebung berücksichtigt. Die Annahme einer generellen Unterversorgung von Frauen in der medikamentösen Sekundärprophylaxe bestätigt sich nicht. Allerdings erhalten jüngere Frauen (bis 60 Jahre) zum Zeitpunkt der Entlassung aus dem Akutkrankenhaus signifikant weniger Medikamente zur Sekundärprophylaxe verordnet als Männer (p<0,017). Zudem lassen sich bei einigen Arzneimittelgruppen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede in der Verordnungshäufigkeit erkennen. Frauen erhielten bei Entlassung aus der Rehabilitationsklinik (adjustiert nach Alter und Begleiterkrankungen) signifikant häufiger Lipidsenker (OR=2,559[1,222-5,361]; p=0,013)) verordnet und bei Entlassung aus dem Akutkrankenhaus signifikant seltener Betarezeptorenblocker (OR=0,485[0,287- 0,820]; p=0,007). Bei Hemmstoffen des Renin-Angiotensin-Systems, Thrombocytenaggregationshemmern und Antikoagulantien waren keine statistisch signifikanten Unterschiede feststellbar. Neben diesen ausdrücklich zur Sekundärprophylaxe der koronaren Herzkrankheit empfohlenen Medikamenten wurden die Verordnungshäufigkeiten von Diuretika, Antidiabetika, Nitraten und Molsidomin untersucht. Letztere wurden Frauen auch unter Berücksichtigung der Prävalenz von Angina Pectoris sowohl bei Entlassung aus der Rehabilitationsklinik (OR=1,812[1,055-3,111]; p=0,031) als auch 1,5 Jahre (OR= 2,649[1,503-4,668]; p<0,001) danach signifikant häufiger verordnet als Männern. Bei der Berechnung aller odds ratios wurde ein möglicher Einfluss von Alter, Schulabschluss und Versicherungsstatus sowie der jeweiligen Indikationen (Arterielle Hypertonie, Herzinsuffi6 zienz, Angina pectoris, Dyslipidämie, Diabetes mellitus, Varizen, Nierenerkrankungen) und Kontraindikationen (pAVK, Lebererkrankungen) berücksichtigt. Arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Varizen und Nierenerkrankungen waren bei weiblichen Studienteilnehmern signifikant häufiger. In den nach Altersgruppen getrennten Analysen war auffallend, dass gerade jüngere Frauen (unter 60 Jahren) bei Entlassung aus dem Akutkrankenhaus höchstsignifikant (p<0,001) seltener Betarezeptorenblocker verordnet bekamen als gleich alte Männer oder ältere Frauen und auch seltener Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems. Angesichts der Tatsache, dass gerade jüngere Frauen eine höhere Postinfarktmortalität aufweisen als Männer [19, 49], muss diesem Ergebnis besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Eine signifikant seltenere Verordnung von Betarezeptorenblockern an Frauen nach akutem koronaren Ereignis wurde in den bisher zu dieser Thematik veröffentlichten Analysen bereits mehrfach beschrieben [7, 24, 33, 39, 41, 52, 53]. Die Ursache der selteneren Beta-Blocker-Verordnung bei Frauen ist bislang nicht geklärt. Positiv zu vermerken ist, dass die stationäre Rehabilitation offenbar dazu beiträgt, die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Medikamentenverordnung zu verringern. Dies ist von besonderer Bedeutung im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme von kardiologischen Rehabilitationsmaßnahmen, bei denen Frauen eher unterrepräsentiert sind.