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Sebastian, Birte Carolin (2005): Die Rezeption Goethes in "Le Globe": Von Weimar nach Paris. Dissertation, LMU München: Faculty for Languages and Literatures
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Abstract

Die vorliegende Studie Die Rezeption Goethes in „Le Globe“ untersucht, wie Goethe zu seinen Lebzeiten in der berühmtesten literarischen Zeitschrift der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich rezipiert wurde. Wie wird Goethe, ein „grenzüberschreitender“ Autor, der zudem den Begriff der „Weltliteratur“ geprägt hat, in dieser bedeutenden französischen Zeitschrift aufgenommen, dargestellt und beurteilt? Damit stellt die Arbeit gleichsam ein Pendant zu der 1998 im Böhlau Verlag erschienen Studie von Heinz Hamm >Le Globe<; Eine Lektüre im Zeichen der Weltliteratur dar. Darin hat Hamm sämtliche Textzeugnisse, Übersetzungen, Notizen, sowie die aufgrund von Anstreichungen und Exzerpten nachweisbar von Goethe gelesene Artikel zusammengestellt. Die Studie besteht aus zwei Teilen: zunächst aus einem umfangreichen Anhang mit einer zuverlässigen Übersetzung sämtlicher Globe-Artikel über Goethes Werke und einer regestenmäßigen Erfassung möglichst aller weiterer Erwähnungen Goethes in der Zeitschrift im Zeitraum von 1824-1830, der im wesentlichen der Lektürezeit Goethes entspricht. Dieser Anhang ist ein ungemein nützliches Arbeitsinstrument für jeden komparatistisch interessierten Goethe-Forscher. Der Böhlau Verlag in Weimar wird nun diesen Teil der Untersuchung mitsamt den Original-Übersetzungen und Regesten als Quellenedition herausbringen: Sebastian, Birte Carolin: Von Weimar nach Paris. Die Goethe-Rezeption der Zeitschrift »Le Globe«. Der hier auf den Uni-Server gestellte zweite Teil der Dissertation analysiert die Thematisierung von Goethes Werken in der politisch liberalen und literarisch den Romantikern nahe stehenden Zeitschrift Le Globe. Das Kernstück der Arbeit ist die Darstellung des „Goethebilds“ in der Zeitschrift Le Globe: und zwar mittels knapper Präsentationen der im Anhang übersetzten Original- Globe-Artikel über einzelne Werke Goethes in werkchronologischer Folge. Der erste erstaunliche Befund dabei ist, daß in dem knappen Zeitraum von sechs Jahren nicht nur fast alle Hauptwerke Goethes (mit Ausnahme der Wahlverwandtschaften, des West-östlichen Divans und der Wanderjahre) in dieser Zeitschrift zur Sprache kommen, sondern selbst Nebenwerke wie Die Mitschuldigen, Der Triumph der Empfindsamkeit, Jery und Bäteli oder Goethes Revolutionskomödien. Das werkchronologische Darstellungsprinzip wird bewußt gleich beim ersten Stück durchbrochen, indem die Leiden des jungen Werther an die Spitze gestellt werden: Goethes größter Erfolg in Frankreich, dem später allenfalls der Faust I an die Seite trat – und im 20. Jahrhundert die Wahlverwandtschaften. Unter den sechs Artikeln, in denen die Leiden des jungen Werthers behandelt werden, finden sich zwei Übersetzungen aus dem Englischen, und aus dem Deutschen, die gleichwohl dank ihrer Auswahl für das positive Goethe-Bild der Zeitschrift aufschlußreich sind. Für dieses zentral sind aber die beiden Artikel des Mitbegründers der Diziplin der ‚Littérature comparée’, Jean-Jacques Ampère d. J., anläßlich von Albert Stapfers Neuübersetzung der dramatischen Werke Goethes, in denen Ampère zunächst auf den Werther als Goethes erfolgreichstes Werk in Frankreich eingeht. Dabei folgt Ampère weitgehend den Bahnen, die Madame de Staël in De l’Allemagne (1810/1813) eröffnet hatte, hebt aber gleichzeitig die zeitgeschichtlichen Bezüge – die ‚Leiden des jungen Goethe’ – dieses Jugendromans hervor und thematisiert auch die Fortschritte der Übersetzung im Laufe des seither verstrichenen halben Jahrhunderts. Nach Goethes hier völlig überraschend behandeltem Jugenddrama Die Mitschuldigen, dem Ampère so vage wie unzutreffend biographische Motive unterstellt, ist dessen Behandlung von Götz von Berlichingen ein weiterer wichtiger Mosaikstein des Goethe-Bilds von Le Globe, indem hier ein ungleich positiveres Urteil über dieses gesamteuropäisch bahnbrechende historische Drama abgegeben wird als in dem ein Jahr später aus dem Deutschen übersetzten, viel normativeren Artikel des Historikers und früheren Jenaer Professors Carl Ludwig von Woltmann. Die Besprechungen von Faust I bilden ein weiteres Herzstück der Arbeit. Wenn Ampère generell bestrebt war, „Goethe in seinen Werken zu suchen“, so erblickte er in Goethes Faust „den vollständigsten Ausdruck, den er von sich gegeben habe“. Wie er dies im Ganzen durchführte, fand Goethes vollen Beifall. Die Globe-Besprechungen von Goethes Lyrik bleiben erwartungsgemäß ziemlich unergiebig, die zu Wilhelm Meisters Lehrjahren unerwarteterweise auch. Die schließlich zusammengetragenen Aspekte zu „Goethes Wesens- und Persönlichkeitdarstellung“ aus dem Globe folgen fast durchweg dem Muster des Geniekults in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie er in Angers’ monumentaler Goethe-Büste seine vollkommene Darstellung gefunden hat. Was also zunächst lediglich wie eine ausführliche und umfangreiche Materialerstellung anmutet, erweist sich doch im Ergebnis als erkenntnisfördernder Beitrag zu wesentlichen Entwicklungsproblemen der Kulturgeschichte in Frankreich und Deutschland. Es ist natürlich kein Zufall, dass die Wirkungsdimension Goethes dabei im Vordergrund steht, so fragwürdig der Begriff der „Goethezeit“ auch sein mag, hier erweist er seine Triftigkeit.