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Woishuber, Jürgen (2011): Rolle der Vollblutviskosität in der Initialphase des akuten Koronarsyndroms. Dissertation, LMU München: Faculty of Medicine
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Abstract

Atherosklerotische Krankheitsbilder, insbesondere die koronare Herzerkrankung und der akute Myokardinfarkt sind die häufigsten Todesursachen in Deutschland. Dementsprechend häufig sind diese der Grund für die Alarmierung eines Notarztes. Bisher konnten einige Risikofaktoren für das Auftreten atherosklerotischer Veränderungen identifiziert werden (z. B. arterieller Hypertonus, Nikotinabusus, Diabetes mellitus). Diese etablierten Risikofaktoren werden aber nur bei 30-50% der kardiovaskulären Erkrankungen nachgewiesen (113). In den letzten Jahren wurden vermehrt Untersuchungen zum Einfluss der Blutviskosität auf die Pathophysiologie der Atherosklerose durchgeführt. Diese zeigten Veränderungen der rheologischen Eigenschaften des Blutes bei koronarer Herzerkrankung, peripherer arterieller Verschlusserkrankung und arteriellem Hypertonus. Die Blutviskosität stellt die visköse Komponente des peripheren Gesamtwiderstandes dar. Ihr Einfluss auf die Perfusion in diversen Bereichen des Gefäßsystems mit niedrigen Scherraten, z.B. den Koronarien, gewinnt an Bedeutung, wenn die vasomotorische Autoregulation limitiert ist, wie beispielsweise bei der koronaren Herzerkrankung. Um diese lokale Hyperviskosität zu kompensieren ist eine Steigerung des Blutflusses nur schwerlich oder gar nicht möglich. Im Bereich subtotaler Stenosen kann so eine Erhöhung der Blutviskosität potentiell einen rheologischen Verschluss des Blutgefässes auslösen. Pectanginöse Beschwerden sind die Folge. Im akuten Stadium eines pectanginösen Anfalls oder eines Myokardinfarkts wurde die Blutviskosität bisher jedoch noch nicht bestimmt. Deswegen führten wir eine prospektive präklinische Observationsstudie im Notarztdienst durch, um die Rolle der Blutviskosität, die mit einem neuartigen Kapillarviskosimeter (Rheolog®) bestimmt wurde, in der Initialphase eines akuten Koronarsyndroms näher untersuchen zu können. Hierbei wurden 113 Notfallpatienten in die Studie eingeschlossen. Bei 33 der Patienten wurde ein akutes Koronarsyndrom gemäß der Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Kardiologie diagnostiziert (91; 92). 60 Notfallpatienten dienten als Kontrollkollektiv. 20 Patienten, deren akute Erkrankungen mit rheologischen Störungen einhergehen, eigneten sich nicht für das Kontrollkollektiv. Sie wurden jedoch in die Multivarianzanalyse der Studie einbezogen, um keine Vorselektion der Studiendaten vorzunehmen. Wir konnten zeigen, dass Patienten in der Initialphase eines akuten Koronarsyndroms ein verändertes Viskositätsprofil aufweisen. Bei allen untersuchten Scherraten konnten im Vergleich zur Kontrollgruppe von Notfallpatienten tendenziell erhöhte mittlere Viskositätswerte festgestellt werden. Das Signifikanzniveau wurde hierbei jedoch nicht erreicht. Die Mediane der Viskositätswerte bei einer Scherrate von 100 s-1 lagen bei den Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom mit 5,3 mPa.s [4,8-6,5] höher als bei der Kontrollgruppe mit 4,9 mPa.s [4,2-5,79] (p= 0,059). Die Prävalenz der kardiovaskulären Risikofaktoren arterieller Hypertonus (79% vs. 40%; p<0,001) und Nikotinabusus (64% vs. 35%; p=0,046) war bei den Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom annähernd doppelt so hoch wie bei dem Kontrollkollektiv. Ein Zusammenhang aller kardiovaskulären Risikofaktoren mit der Vollblutviskosität konnte nicht nachgewiesen werden. Die Vollblutviskosität korrelierte signifikant mit dem Hämatokrit (r=0,426; p<0,001), dem LDL-Cholesterin (r=0,192; p=0,045), der Gesamteiweißkonzentration (r=0,294; p=0,002) und dem Fibrinogen (r=0,273; p=0,004). Keiner dieser biochemischen Variablen zeigte jedoch einen statistischen Zusammenhang mit der Diagnose ACS. Uni- und multivariante logistische Regressionsanalysen wurden durchgeführt, um sowohl den Einfluss demographischer Daten, kardiovaskulärer Risikofaktoren und biochemischer Variablen auf die Vollblutviskosität, als auch den Einfluss der Vollblutviskosität auf das Auftreten eines akuten Koronarsyndroms zu untersuchen. Hierbei konnte ein signifikanter Zusammenhang der Vollblutviskosität mit Hämatokrit (Koeffizient: 8,918; 95%-Konfidenzintervall 3,629-14,208; p=0,001) und Fibrinogen (Koeffizient: 0,002; 95%-Konfidenzintervall: 0,001-0,004; p=0,014) gefunden werden. Erhöhte Blutviskositätswerte waren in der multivarianten logistischen Regressionsanalyse signifikant mit dem Auftreten eines akuten Koronarsyndroms vergesellschaftet (Odds Ratio 2,775; 95%-Konfidenzintervall 1,095-7,036; p=0,032), während die Hauptdeterminanten der Blutviskosität, Hämatokrit und Fibrinogen, keinen Einfluss auf die Entstehung eines akuten Koronarsyndroms ausübten. In einer logistischen Multivarianzanalyse wurde der Einfluss der Faktoren Geschlecht, Patientenalter, Body Mass Index, Hämatokrit, LDL-Cholesterin, Gesamteiweiß, Fibrinogen und der kardiovaskulären Risikofaktoren arterieller Hypertonus, Nikotinabusus und Diabetes mellitus, von denen bekannt ist, dass sie die Blutviskosität beeinflussen, überprüft. Hierbei konnte bei einer erhöhten Vollblutviskosität ein nahezu vierfach erhöhtes Risiko (Odds Ratio 3,89; 95%-Konfidenzintervall 1,28-11,88; p=0,017) für ein akutes Koronarsyndrom identifiziert werden. Diese Ergebnisse sind von klinischer Relevanz, da die im Rahmen eines akuten Koronarsyndroms limitierte Perfusion der Koronarien durch eine erhöhte Blutviskosität noch verschärft wird. Resultierende kardiozirkulatorischen Dysfunktionen führen zu einer erhöhten Komplikationsrate und somit auch zu einer erhöhten Mortalität der Patienten.