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Rion, Myriam Suzanne (2001): Die Idee der Verbindung von Musik und Poesie im Frankreich des 16. Jahrhunderts: Das musikalische Supplement zu Pierre de Ronsards AMOURS (1552). Dissertation, LMU München: Faculty of History and the Arts
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Abstract

In 1552 Pierre de Ronsard’s collection of sonnets, Les Amours, was published with a musical supplement: nine four-part chansons from four different composers – among them Clément Janequin, Pierre Certon and Claude Goudimel. This supplement has often been cited as a symbol for the efforts of French humanists in the 16th century to realize a close union between music and poetry derived from the antique ideal of musiké. It arose from the ideas of the Pléiade, a French group of poets that led French Renaissance humanism to its climax in the mid 16th century. The French Renaissance humanists drew their inspiration from the classical antiquity. The Italian example played an important role in the confrontation with the antique ideal. The Italian impact taught the French amongst other things a new awareness for their own identity and language. They tried to enrich the French language and defined very early certain tasks and problems: The poetry and poetics of the time are imbued with the idea of a union of music and poetry. The aim was to reproduce the union of music and poetry of the classical Greek verse, musiké. The realization of a new union of music and poetry often stayed very vague. This has to be seen in context with another problem the solution of which had been identified as a promising cure-all in the further development of the French language: If poetry in the vernacular language should be of equal value as the antique poetry, it should be capable to reproduce its rhythm. This rhythm has been seeken in the quantities of the French syllables: The French have been convinced for a long time that the rhythm of poetic language could be found via identifying the exact length of syllables of French words. A promising idea to unite music and poetry seemed to be Jean Antoine de Baïf’s "vers mesurés à l’antique", which he set to "musique mesurée" together with Joachim Thibault de Courville in his "Académie de Poésie et de Musique" (1570). His solution was ultimately doomed to failure by betraying the principles of French language and French verse. As a high expression of the efforts to unite poetry and music appears the musical supplement to Ronsard’s "Amours". The addition of music to an edition of poetry is very particular, and very special too is the directions to exchange the text against other poems of the same form, based on Ronsard's concept of "vers mesurés à la lyre". Nevertheless we see that the chansons of the musical supplement are no simple models but highly complex compositions reflecting the individuality of their original text.

Abstract

1552 erschien in Paris als Anhang zu Pierre de Ronsards Sonettsammlung LES AMOURS ein musikalisches Supplement mit neun vierstimmigen Vertonungen von vier verschiedenen Komponisten - darunter Clément Janequin, Pierre Certon und Claude Goudimel. Es ist ein Symbol für die französischen Bemühungen im 16. Jahrhundert, Poesie und Musik nach antiker Art zu einer möglichst innigen Verbindung zu führen, und erwuchs aus der Ideenwelt der Pléiade, jener französischen Dichtergruppe, die den französischen Renaissance-Humanismus Mitte des 16. Jahrhunderts zu seinem Höhepunkt führte. Die französischen Renaissance-Humanisten bezogen ihre Inspiration aus der Antike. Bei der Auseinandersetzung mit dem antiken Ideal spielte das italienische Vorbild eine tragende Rolle. Das italienische Leitbild lehrte die Franzosen unter anderem ein neues Bewußtsein für die eigene Identität und Sprache. Man suchte die französische Sprache nach antikem und italienischem Modell zu bereichern und sich gezielt von einer mittelalterlich geprägten Kultur zu distanzieren. Dabei kristallisierten sich früh bestimmte Problemkreise heraus. Die Dichtung und Dichtungstheorie der Zeit sind durchdrungen vom Gedanken einer "union" von Musik und Poesie. Es galt, ihre Einheit im altgriechischen Vers, Musiké, nachzubilden. Die Konkretisierung der Verbindung von Musik und Poesie nach humanistischem Ideal verblieb oft im Vagen. Dies steht auch in Zusammenhang mit einer weiteren Aufgabenstellung, deren Lösung von vielen als Allheilmittel zur Fortbildung der eigenen Sprache identifiziert wurde: Sollte eine volkssprachliche Dichtung der antiken ebenbürtig sein, müßte sie fähig sein, deren Rhythmus zu reproduzieren. Dieser Rhythmus wurde im Französischen lange Zeit und in weiten Bereichen ausschließlich in den Quantitäten der Sprache gesucht. Man versprach sich, den Rhythmus der gebundenen Sprache über die Identifizierung von Silbenlängenverhältnissen im Französischen regeln zu können. Zu den erfolgversprechenden Rezepten zur Verbindung von Musik und Poesie zählten Jean Antoine de Baïfs "vers mesurés à l’antique", die er zusammen mit Joachim Thibault de Courville in eine "musique mesurée" überführte, welche ab 1570 in der "Académie de Poésie et de Musique" gepflegt wurde. Dieser Ansatz war letztendlich zum Scheitern verurteilt, weil er dem Wesen der französischen Sprache und des französischen Verses zuwiderlief. Als ein hoher Ausdruck der Bemühungen um die Verbindung von Poesie und Musik erscheint das musikalische Supplement zu Ronsards "Amours". Die Beigabe von Musik zum Werk eines Dichters ist eine Besonderheit. Diese wird überhöht durch Anweisungen zum Textaustausch, basierend auf Ronsards Konzept von "vers mesurés à la lyre". Wir sehen jedoch, daß die Sätze des musikalischen Supplements in keiner Weise einfache musikalische Modelle sind, sondern vielmehr hochkomplexe Vertonungen, die die Individualität der ihnen ursprünglich zugrundegelegten Texte spiegeln.