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Zugmann, Patrizia (2003): In der Schwebe: Subjektivität und Ästhetik in Botho Strauß‘ Dramen "Besucher", "Schlußchor" und "Das Gleichgewicht". Dissertation, LMU München: Faculty for Languages and Literatures
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Abstract

This dissertation addresses Botho Strauß’ work in the period around 1990. The research literature describes the author’s change in this period to Real Presences and the Metaphysical. Strauß’ Essay, Der Aufstand gegen die sekundäre Welt, which he wrote as an epilogue to Georges Steiner’s Real Presences, is decisive for this interpretation. This dissertation, however, proves through an exact analysis of this essay that Strauß did not use notions of godly presence, but remained within the semiotic paradigm. He does not draw on a real presence of theological derivation for his aesthetics, but postulates a presence which semiotically corresponds to Pierce’s Index. In the plays under examination, Besucher, Schlußchor and Das Gleichgewicht, the presence of the signified can be derived from its performance. The question as to what the aesthetic sign refers to, leads to Strauß’ remarks about the unutterable, which may only be understood as a whole and cannot be rationally divided into individual parts. In this way it is the experience of art and beauty, in which the self awareness of the subject is fulfilled. Based on the premise that subjectivity is in a constant to and fro between the finite and infinite ego and remains in the balance (“in der Schwebe”, Walter Schulz), the dramas at hand show different incarnations of the subjectivity problem: the conflict between the finite, everyday ego and the phantasmagoric ego (Besucher), the interpretation of one’s own ego as an indecypherable whole (Schlußchor), as well as the to and fro between the concrete sphere of the body and passion for the infinite (Das Gleichgewicht). The main thesis of this dissertation is that the intrasubjective conflict between the finite and infinite ego is implemented in the theatre as intersubjective actions. The finite and infinite ego or indeed the reflexive self is divided into different characters. The to and fro, the permanent swaying of subjectivity is expressed in Strauß’ mode of expression, which constantly undermines his statements and keeps what has been said in the balance.

Abstract

Diese Dissertation befasst sich mit Botho Strauß‘ Schaffensphase um 1990. Die Forschungsliteratur hat für diesen Zeitraum eine ästhetische Wende des Autors hin zu Realpräsenz und Transzendenz konstatiert. Ausschlaggebend für diese Ansicht ist Strauß‘ Essay Der Aufstand gegen die sekundäre Welt, den er als Nachwort zu Georges Steiners Real Presences verfasst hat. In einer genauen Analyse dieses Essays weist vorliegende Arbeit jedoch nach, dass Strauß nicht zu Vorstellungen von göttlicher Gegenwart greift, sondern im zeichentheoretischen Paradigma verbleibt. Er nimmt für seine Ästhetik keine Realpräsenz theologischer Herkunft in Anspruch, sondern postuliert eine Präsenz, die zeichentheoretisch dem Index (Peirce) entspricht. In den untersuchten Theaterstücken Besucher, Schlußchor und Das Gleichgewicht wird die Gegenwart des Bezeichneten über die Kategorie der Performanz erschließbar. Die Frage, was nun durch das ästhetische Zeichen angezeigt wird, führt zu Strauß‘ Ausführungen über das Unsagbare, das nur intuitiv als Ganzes erfasst und nicht rational in einzelne Elemente zergliedert werden könne. So ist es die Erfahrung von Kunst und Schönheit, in der sich die Selbsterfahrung des Subjekts vollzieht. Ausgehend von der Prämisse, dass Subjektivität sich in einem steten Hin und Her zwischen endlichem und unendlichem Ich befindet und in der „Schwebe“ bleibt (Walter Schulz), zeigen sich in den untersuchten Dramen verschiedene Ausprägungen der Subjektivitätsproblematik: der Konflikt von endlichem Alltags-Ich und phantastischem Ich (Besucher), die Erfassung des eigenen Ichs als unentschlüsselbares Ganzes (Schlußchor) sowie das Hin und Her zwischen konkreter Körpersphäre und ins Unendliche gerichteter Sehnsucht (Das Gleichgewicht). Der intrasubjektive Konflikt zwischen endlichem und unendlichem Ich wird, so lautet eine der grundlegenden Thesen dieser Arbeit, auf dem Theater als intersubjektive Handlung umgesetzt: Das endliche und das unendliche bzw. das reflexive Selbst werden auf verschiedene Figuren aufgeteilt. Das Hin und Her, das stete Schwanken der Subjektivität findet direkten Ausdruck in Strauß Schreibverfahren, das einmal gesetzte Positionen immer wieder unterläuft und das Gesagte in der Schwebe hält.